Edgar Selge: Juras letzter Winter

Edgar Selge wird den meisten von uns als Charakterdarsteller am Theater, im Film und im TV bekannt sein. Nach seinem erfolgreichen, hochgelobten Debüt „Hast du uns endlich gefunden“ hat er nun, mit fünf Jahren Abstand, seinen zweiten Roman vorgelegt. Grundlage für dieses Buch ist ein Tagebuch des fünfzehnjährigen Jura Rjabinkin.

Dieses Tagebuch erwähnt der russische Schriftsteller Daniil Granin am 27. Januar 2014 im Deutschen Bundestag in seiner sehr bewegenden Rede anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Beendigung der Blockade von Leningrad. Daniil Granin war zum damaligen Zeitpunkt fünfundneunzig Jahre alt. Jura begann das Tagebuch im Juni 1941, sein letzter Eintrag war ein halbes Jahr später, am 8. Januar 1942. Edgar Selge hat dieses Tagebuch seit Jahren immer wieder gelesen, es hat ihn nicht losgelassen. Er greift die historischen Fakten auf und beginnt einen imaginären Gesprächsaustausch mit Jura. Es gelingt dem Autor, die größtmögliche Nähe zu seinem Protagonisten aufzubauen. Edgar Selge hält Zwiesprache mit Jura, der vor seinem inneren Auge Gestalt annimmt, und kommuniziert mit ihm, als säße er ihm gegenüber. Nicht immer gelingt die Kontaktaufnahme zu Jura, manchmal bleibt er dem Erzähler fern. Je tiefer es Selge aber gelingt, in Juras Leben einzutauchen, desto lebendiger erscheint ihm dieser und desto mehr zieht er Vergleiche zu sich und seiner eigenen Jugend. So werden der Erzähler selbst wie auch Jura zur Romanfigur. Selge und Jura haben durchaus Gemeinsamkeiten. Sie kommunizieren über ihre Träume, über Literatur oder über ihre Mütter. Dadurch entsteht eine sehr enge Verbindung zwischen beiden Personen und Nähe zu den Lesern.

Edgar Selges Text ist gleichermaßen eindringlich wie Juras Tagebucheinträge erschütternd.

Der Autor verschmilzt nicht nur mit seinem Protagonisten, sondern gleichzeitig mit dem gesamten Umfeld des harten letzten Winters von Jura. Juras Dasein ist geprägt von einem schmerzhaften, von ständigem Hunger geplagten Überlebenskampf.

Letztlich steht Juras Schicksal stellvertretend für das unermessliche Leiden aller Bewohner Leningrads, die zum Überleben Ledergürtel kochten, Katzen und Hunde, ja sogar manchmal ihre toten Mitmenschen gegessen haben. Am Ende verhungert Jura im Überlebenskampf während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Dem Autor ist bewusst, dass sein eigener Vater im Zweiten Weltkrieg zu den Gegnern dieser geplagten Menschen gehörte. Nicht leicht für den Erzähler, sich unter all den grausamen Bedingungen in Jura hineinzuversetzen, schließlich lebt er auch noch sein Alltagsleben, das er ebenso in den Text mit einfließen lässt. 

Die Passagen, in denen Edgar Selge mit Jura auf einer Ebene kommuniziert und Erinnerungen an die eigene Jugend reflektiert, lesen sich meist befreiend leicht.

Geschichten wie die von Jura sind grausam und unmenschlich aber wahr und wichtig. Edgar Selge hat den jungen Jura und damit die Erinnerung an eine Schreckenszeit wieder zum Leben erweckt. Gepaart mit seiner eigenen Figur hat er eine Aura erschaffen, die lange nachwirkt und gerade im Jetzt wertvoll und wichtig zu lesen ist.

Edgar Selge: Juras letzter Winter.
Rowohlt, September 2026.
256 Seiten, Hardcover, 25,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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