Wir lernen Clara zu einem Zeitpunkt kennen, als sie sich noch von einer langwierigen Erkrankung erholt. An welcher Krankheit sie leidet, ist anfangs nur angedeutet. Doch so nach und nach wird deutlich, dass ihre körperliche und psychische Verfassung durch ein schreckliches Ereignis ausgelöst worden ist. Und dies ausgerechnet während ihrer Flitterwochen in Italien, wenn Sommer, Sonne, azurblaues Meer und die Liebe von frisch Verliebten den Blick auf alles rosarot umschwebt.
Die Ich-Erzählerin Clara erzählt: „Ich bin nicht depressiv. Ich bin nicht traurig oder trübselig. Mein Hirn ist einfach zerbrochen wie eine teure Vase, mit der unvorsichtig umgegangen wurde.“ (S. 213) Auf der Suche nach Gründen und Antworten stößt sie stets auf Versatzstücke, die sie einfach nicht zu einem Bild verbinden kann. Nichts will passen und am schlimmsten ist, dass man ihre Wahrnehmungen nicht ernst nehmen will. Ihr Ehemann Spencer hat viele Gründe, um sein „Bambi“ im Unklaren zu lassen. Er ist auch nicht so engagiert wie Claras Ärzte, die glauben, wenn sie zurück an den Ort der Ursache für ihre Erkrankung käme, würden sich möglicherweise ihre Erinnerungslücken füllen.
Doch sie füllen sich nicht. Für Clara fühlt es sich so an, als wäre sie in dem romantischen Positano an der Amalfiküste Teil einer Inszenierung, bei der nur sie das Drehbuch und ihren Text nicht kennt. Eines Tages wird unter die Tür ihrer Suite ein Zettel geschoben, auf dem steht: „Er lügt.“
Nun hat Clara einen Anhaltspunkt, ihren Wahrnehmungen mehr zu vertrauen. Wären da nicht die tiefverankerten Selbstzweifel und die verschiedenen, in Gespräche eingestreuten Informationen, die ihren Argwohn nähren.
Die Autorin Rebecca Taylor McKay hat mit ihrem psychologisch aufgebauten Thriller ihr Debüt vorgelegt. Man merkt Claras Geschichte an, mit wie viel Sorgfalt und Liebe alles entstanden ist. Im Zentrum steht eine junge Frau, die 1960 während ihrer Arbeit im Schreibbüro einer renommierten Londoner Firma den neuen Inhaber im Treppenhaus kennen- und lieben lernt. Anfangs glaubte sie, dies könne nicht echt sein. Auf der einen Seite sie, die arme junge Frau ohne Familie, und auf der anderen ein reicher, deutlich älterer Mann, der in der gehobenen Gesellschaft zuhause ist. Diese Kombination kann keine Zukunft haben, glaubt Clara, bis sie Spencers Werben und Drängen nachgibt und viel zu schnell seine Verlobte und dann Ehefrau wird. Was mit ihr geschieht und wie sie die Schichten der Wahrheit so nach und nach aufdeckt, ist das Thema von Rebecca Taylor McKays Thriller. Claras Unbedarftheit und Naivität prägen den Verlauf ihrer Geschichte genauso wie die unterschwelligen Bosheiten, die vordergründig zunächst nicht als solche zu erkennen sind. Sie passen zum britischen Understatement. Witz und Bosheit unterhalten nur die Insider, zu denen Clara naturgemäß nicht gehören kann. Sie entstammt einer anderen Gesellschaftsschicht und wird wie ein Fremdkörper behandelt.
Insgesamt ist es ein sanfter, spannend zu lesender Thriller, der auf den letzten Seiten das letzte Körnchen Wahrheit auf einem Silbertablett serviert.
Rebecca Taylor McKay: Er lügt: Doch es ist der Sommer der Wahrheit
Aus dem Englischen übersetzt von Silke Jellinghaus
Rowohlt Polaris, Juli 2026
416 Seiten, Taschenbuch, 18,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
