Die US-amerikanische Schriftstellerin Emma Cline (Jahrgang 1989) hat nach zwei Romanen („The Girls“, „Die Einladung“) und einem Erzählband („Daddy“) ihren dritten Roman mit dem Titel „In die Schweiz“ geschrieben. Das Buch ist am 18. August 2026 im Carl Hanser Verlag erschienen. Nikolaus Stingl hat es aus dem Englischen übersetzt.
David Hastings letzte Reise führt „In die Schweiz“
„Switzy“, so der englische Originaltitel des Romans, steht auf der Longlist zum diesjährigen Booker Prize. Und das, das sei schon vorab gesagt, völlig zurecht.
David Hastings, Mitte siebzig und ehemaliger Finanzvorstand eines großen Unternehmens in den USA, ist auf dem Weg „In die Schweiz“. Mit dem Privatjet seines ehemaligen Geschäftspartners Stearns fliegt er zunächst nach London, um seine Tochter Rebecca und seinen Enkel Rainer zu besuchen und dann weiter zur begleiteten Sterbehilfe nach Zürich, nicht ohne vorher noch seinen alten Schulfreund Tom zu treffen, mit dem er sich nach vielen Jahren aussöhnen möchte. Es ist Davids Abschiedstour, er ist an Demenz erkrankt und wird seinen Verstand verlieren. Sein langjähriger Assistent Cody, von ihm nur „der Junge“ genannt, begleitet ihn.
Das ist der Rahmen, den sich Emma Cline für ihren Roman ausgedacht hat. Sie nimmt die Lesenden mit auf David Hastings letzte Reise. Eine Reise, die ihre Hauptfigur durch das Labyrinth seines kranken Gehirns führt und die Vergangenheit immer wichtiger erscheinen lässt als die Gegenwart oder gar die Zukunft, die es für David nicht mehr geben wird:
„Warum blieben bestimmte Dinge – die aufklaffende Jacketttasche, kaputtgemacht/nicht kaputtgemacht, das Licht auf dem Scheitel der Frau, während er sie zur heißen Tunnelmündung der Subway begleitete. Die Klarheit, mit der er wusste, dass der Abend schlecht gelaufen war.“ (S. 24/25)
Dabei kommt man David Hastings sehr nahe. Spürt seine wachsende Verzweiflung, lacht über die absurden Situationen, in die er sich bringt, wenn Cody ihn einmal aus den Augen lässt und bedauert ihn wegen seiner fehlenden emotionalen Beziehungen zu seiner Familie. Er ist auf seiner Reise allein, wie er auch im Leben allein gewesen ist. Und nun arbeitet er mit Cody die letzten To-dos auf seiner Liste bis zum Tod ab:
„LONDON, ZWEI TAGE, DREI TAGE ZÜRICH, KALT – das Wort KALT war zweimal unterstrichen.“ (S. 25)
Das Treffen mit Schulfreund Tom, dem David so entgegengefiebert hat, verläuft enttäuschend. Beinahe hätte Tom ihn gar nicht sehen wollen. Auf eine Absolution wartet David vergeblich. Für David wird das Aushalten von losen Fäden und offenen Enden zur letzten Lektion seines Lebens.
Emma Cline ist eine grandiose Erzählerin
Mich hat das Buch an den Film „The Father“ des französischen Dramatikers Florian Zeller aus dem Jahre 2020 erinnert, den er mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle nach seinem eigenen Theaterstück gedreht hat. Wie Anthony in „The Father“ ist David ein überheblicher, egoistischer und einst erfolgsgeiler alter Mann, der keine Sympathien weckt. Und dennoch lese ich weiter.
Und das liegt daran, dass Emma Cline eine grandiose Erzählerin ist. Sie hüllt das menschliche Drama um das Verschwinden jeder Gewissheit in eine Sprache, der man sich als Lesende nicht entziehen kann.
Beeindruckend! Und von Anfang bis zum Ende absolut lesenswert.
Emma Cline: In die Schweiz
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag, August 2026
384 Seiten, Hardcover, 25,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
