„Ich will kein gutes Ende, sondern einen neuen Anfang.“
Viel mehr als diesen Leitsatz hat eine junge Autorin nicht im Gepäck, als sie sich – vom Leben und von der Liebe enttäuscht – eines Wintertages aus dem tristen Berlin auf den Weg macht, um dem Strudel ihrer ruhelosen Gedanken zu entfliehen. Durch Zufall landet sie auf einer griechischen Kykladeninsel. Umgeben von wilder Natur trifft sie auf Menschen, die noch wirkliche Lebenslust empfinden und ihren eigenen Weg gehen. In der älteren Hera, einst selbst einer verzweifelten Lage entkommen, findet sie eine weise Mentorin und lernt nach und nach, sich selbst wieder zu spüren.
„Dort, wo die Wellen mal wild und tosend, mal sanft und leise das Ufer berühren. Wo der Sand in der Abendsonne golden schimmert und das Meer dich, mal türkis, mal himmelblau, dazu verlockt, in seine salzigen Fluten einzutauchen.“
Wenn Franziska Jebens die Unberührtheit der ägäischen Buchten und die Urkraft der Wellen beschreibt, ist es fast so, als würde das Salzwasser auf meiner Haut prickeln und als könnte ich den weichen Sand unter meinen Füßen fühlen. Den Zauber dieser Landschaft und die Rückbesinnung auf ihre eigene Ursprünglichkeit hat die Autorin von Über der Brandung selbst vor Ort erlebt, auf einer der griechischen Kykladeninseln. Daraus ist die Geschichte von Nea, der Neuen, wie sich die Protagonistin im Verlauf der Geschichte selbst benennt, entstanden. Neas Wiederfinden ihrer weiblichen Kraft, die Bedeutung von Schwesterlichkeit unter Frauen, die Entdeckung der Natur und Natürlichkeit als Energiequelle und als Heilmittel – hier überzeugt Franziska Jebens mit Inneneinsichten, und sie weckt Sehnsüchte. Die Sehnsucht, loszulassen und sich treiben zu lassen, die Sehnsucht nach Weite und nach Freiheit.
Nochmal neu beginnen, mit sich selbst im Reinen und unberührbar gegenüber den Stürmen des Lebens werden, das wünschen wir uns vermutlich alle von Zeit zu Zeit. Nea schafft genau das und lernt nebenbei noch ihren Traummann kennen, hat finanziell ausgesorgt und kann dort Gerechtigkeit schaffen, wo ihr selbst Unrecht widerfahren ist. Sie überwindet ohne große Anstrengung alte Ängste und einschränkende Glaubenssätze. Für mich persönlich greift die Geschichte dabei an manchen Stellen zu kurz. Zum einen begegnen Nea einige allzu glückliche Zufälle. Zum anderen ist sie mit Privilegien ausgestattet, über die die meisten Menschen schlichtweg nicht verfügen: ein finanzielles Polster, keine sozialen oder moralischen Verpflichtungen ihrem Umfeld gegenüber, eine ausgezeichnete Gesundheit. Probleme liegen nur in der Vergangenheit und die wird aktiv hinter sich gelassen. Kritische Themenbereiche wie die Ablehnung mancher Inselbewohner gegenüber der freiheitsliebenden und selbstbewussten Hera oder widersprüchliche bis kontrollierend wirkende Aussagen des Mannes, mit dem Nea anbandelt, werden nur kurz angeschnitten. Es folgt keine tiefergehende Auseinandersetzung oder Auflösung. Aufgrund ihrer Authentizität und Unabhängigkeit hat mir die Figur der Hera am besten gefallen:
„Vermisst du deine Heimat manchmal?“
„Nein“, sagt sie. „Meine Heimat bin ich selbst.“
Wer einen leichtfüßigen und bestärkenden Roman sucht, findet in Über der Brandung ein angenehm zu lesendes Exemplar. Mein Tipp: am besten mit Blick aufs Meer genießen.
Franziska Jebens: Über der Brandung
S. Fischer Verlag, Juli 2026
339 Seiten, gebundene Ausgabe, 22,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabrina Rüdebusch.
