Vier Minuten lang steht Leas Herz still. Für ganze vier Minuten ist sie tot, nachdem sie von einem Auto erfasst wurde. Ein Notarzt, der zufällig in der Nähe ist, leistet erste Hilfe. Später sucht er sie im Krankenhaus auf, weil ihn die Zusammenhänge mit ihrer Rettung weiter beschäftigen. Er teilt ihr mit, dass ein Priester, der auch zufällig in der Nähe war, sich neben Lea niederließ und um sie betete, als er sie mit einer Herzmassage wieder zum Leben erweckte.
Lea kann sich selbst nicht an den Unfall erinnern. Über die kurze Zeit, die sie tot war, weiß sie nichts. Alles ist wie ausgelöscht. Während sie sich von Tag zu Tag erholt, grübelt sie über sich und dieses wundersame Geschehnis nach. Ist dem Notarzt ihre Rettung nur mit Beistand des Priesters gelungen? Wem hat sie es letztlich zu verdanken, dass sie jetzt noch lebt? Dem Notarzt, dem Priester oder beiden?
War es Zufall, war es Schicksal? Gibt es eine göttliche Instanz, die sie weiterleben lässt? Lea hinterfragt das Dasein, das Existenzielle im Leben, in ihrem Leben. Sie reflektiert ihr Aufwachsen in der DDR, ihre Prägungen durch die Eltern, durch Politik, durch Partner. Sie überdenkt ihre Berufswahl und ihre Karriere als Journalistin. Vieles war von Zufällen geprägt wie auch ihre wundersame Rettung jetzt.
Welchen Verlauf hätte ihr Leben genommen, wenn sie an der einen oder anderen Stelle gegensätzliche Entscheidungen getroffen hätte? Max, ihre erste große Liebe, hatte sich in den Westen abgesetzt, ohne sie vorher darüber zu informieren. Auch diese Enttäuschung hat sie geprägt. Weshalb hat sie den späteren Brief von Max nie gelesen? Warum hatte sie einen Mann geheiratet, den sie nie geliebt hat? Wollte sie dadurch einer weiteren schmerzhaften Enttäuschung vorbeugen? Hätte sie durch ein anderes Verhalten verhindern können, dass auch er sie verlassen hat? Alles kommt ihr in den Sinn. Der Mauerfall, das Rockkonzert am Brandenburger Tor, die Nachbarin, die durch den Verlust ihres Hündchens ihre Gesundheit einbüßte… Immer wieder geht es um Schicksal oder Zufall und letztlich um die Sinnfrage.
Je weiter Lea nachgrübelt und in ihr Inneres vordringt, desto klarer sieht sie. Ihr wird bewusst, dass sie nicht glücklich ist. Sie muss und will sich den Fragen stellen, die sie umtreiben. Auch beruflich muss sich etwas verändern. Sie will keine politische Berichterstatterin mehr sein, merkt sie. Vieles wird sie neu überdenken müssen.
In diesem hauptsächlich in der Ich-Form geschriebenen Roman nimmt Monika Maron die LeserInnen mit auf die Sinnsuche ihrer Protagonistin Lea. Bei der Aufarbeitung ihrer Biografie lässt sie Lea immer wieder flüchtig andocken an politische Geschehnisse und philosophische Betrachtungen.
Schön und unterhaltsam zu lesen.
Monika Maron: Vier Minuten.
Hoffmann und Campe, September 2026.
208 Seiten, gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
