Johann Georg Niederegger hat es geschafft. Er hat seinen Traum verwirklicht und erreicht, was er immer wollte: Sein Marzipan ist in aller Munde. In des Wortes eigentlichster Bedeutung, könnte man sagen. Der Name Niederegger ist untrennbar mit Marzipan von hervorragender Qualität verbunden. Der Weg dahin war lang und keineswegs einfach. Als junger Konditor kommt Johann von Ulm, wo er aufgewachsen ist, nach Lübeck. Auf seiner Wanderung dahin hat er den Sizilianer Lorenzo kennengelernt, der in seiner Heimat eine Plantage mit Mandel- und Olivenbäumen bewirtschaftet. Die Mandeln sind es, die es Johann angetan haben, denn die braucht er, um Marzipan herstellen zu können.
Allerdings sind sie um 1810 und später in Lübeck schwer zu bekommen und kosten eine Stange Geld. Also muss sorgsam und sparsam damit umgegangen werden. Johann arbeitet als Geselle in der Bäckerei bei Meister Maret, der am Markt in Lübeck ein gut gehendes Café betreibt und Johann nur zu gern als Konditor beschäftigt, denn seine Kuchen und Torten erfreuen sich großer Beliebtheit und seine Kreativität kennt kaum Grenzen.
Aus Zucker fertigt Johann zum Beispiel kleine Kunstwerke, die aussehen wie aus Glas und die von der Kundschaft bewundert und gerne gekauft werden. Maret ist nicht der einzige Bäcker in Lübeck, der ein Café besitzt, die Konkurrenz ist also da, der Anspruch ist: Wir wollen etwas anbieten, das uns abhebt von den anderen. Für Johann ist klar, das muss Marzipan sein. Die Beschaffung der Mandeln ist dabei das größte Problem, da Lübeck unter französischer Besatzung steht und die Wirtschaftskrise den Menschen schwer zu schaffen macht.
In der Zeit der Wirtschaftsblockade macht Johann sich gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Kaspar auf die Reise nach Sizilien, um bei Lorenzo, mit dem ihn eine gute Freundschaft verbindet, über die Lieferung von Mandeln zu verhandeln. Das ist nicht einfach, wegen der Blockade auf legalem Weg kaum zu machen. Es blüht ein illegaler Handel über Helgoland, der allerdings lebensgefährlich sein kann, weil die Franzosen scharf kontrollieren und die Strafen hoch sind. Johann und seine Frau Anna, eine Oldenburgerin, die von den Eltern zur Verwandtschaft nach Lübeck verbannt worden war, nachdem sie sich geweigert hatte, den Witwer ihrer Schwester zu heiraten, weil sie nur aus Liebe heiraten wollte, und die dann in Lübeck mit Johann ihr Glück gefunden hat, stehen kurz vor dem Ruin. Johann hat nach dem Tod des Meisters die Bäckerei und das Café gepachtet, sie kämpfen ums Überleben. Johann geht ein Wagnis ein, das ihn nicht nur sein Café, sondern auch sein Leben kosten könnte.
Anna steht fest an seiner Seite, sie ist es schließlich, die mit einem genialen Einfall dazu beiträgt, ihr Unternehmen zu retten. Sie ist es auch, die mit ihrer aufgeschlossenen Art und ihrem Wunsch, anderen zu helfen, überall beliebt und bekannt ist. Ihrer sterbenden Schwester hatte sie vor Jahren nicht nur versprochen, ihren eigenen Weg zu gehen, frei sein zu wollen, sondern auch für andere da zu sein, ihnen ebenfalls zu helfen, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen. Anna und Johann gehören bald zur angesehenen Bürgerschaft Lübecks, dank ihres sozialen Engagements, aber vor allem dank Johanns Traum, den er nie aufgegeben hat, auch nicht in den härtesten Zeiten.
Ein Roman um die Geschichte des berühmten Niederegger Marzipans, der uns die Zeit der Besatzung durch die Franzosen, die Zeit der Wirtschaftsblockade in Lübeck und die Auswirkungen auf die Bevölkerung anschaulich darstellt. Ein aufstrebendes Familienunternehmen, das vom Schicksal mehrfach herausgefordert wird und zwei Menschen, die gemeinsam ihren harten Weg gehen, um am Ende für ihr Ausharren belohnt zu werden. Die Protagonisten sieht man bildhaft vor sich, ihr Schicksal berührt, wir leben als Leser eine Zeit lang mit ihnen und ihren Freunden und Verwandten.
Locker geschrieben, gut und flüssig zu lesen, nicht überfrachtet, durchaus realistisch.
Lena Johannson: Niederegger: Der Traum vom edlen Genuss
Knaur, September 2026
400 Seiten, Taschenbuch, 13,99 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
