Jem Calders Romandebüt „Ich möchte, dass Du glücklich bist“ erzählt von einer Beziehung, die nie ganz zu einer wird. In London begegnen sich Joey, eine Barista Anfang zwanzig, und Chuck, ein Mitte dreißigjähriger Werbetexter.
Calder erzählt abwechselnd aus der Perspektive beider Figuren. So entsteht das doppelte Porträt zweier Menschen, die einander begehren, sich gegenseitig Vorstellungen überstülpen und zugleich aus dem Weg gehen. Chuck, der ältere und beruflich etabliertere der beiden, gibt sich gern als sensibler Künstler. Tatsächlich verliert er sich häufig in Selbstbeobachtung und in seiner Trunksucht. Joey sucht in der Verbindung möglicherweise ebenso Nähe wie einen Ausweg aus prekären Lebensverhältnissen.
Der zwölfjährige Altersunterschied markiert ein Machtgefälle. Chuck verfügt über Wohnung, Geld und die Fähigkeit, seine Unsicherheiten in kluge Reflexionen zu verwandeln. Joey hat weniger Sicherheit, aber auch weniger Zynismus.
Die große Stärke des Romans ist seine Beobachtungsgabe. WhatsApp-Nachrichten, Dating-Apps, WG-Alltag, berufliche Selbstoptimierung und die Sprachlosigkeit nach zu vielen Möglichkeiten: Calder fängt das London der 2020er-Jahre mit großer Genauigkeit ein. Die unangenehmen Momente – das falsch verstandene Wort, die erzwungene Intimität, die Nachricht, auf die man zu lange wartet – wirken oft peinlich vertraut. Zugleich sind sie trocken und bitter komisch erzählt.
Wer eine Handlung mit klaren Wendepunkten erwartet, könnte allerdings enttäuscht sein. „Ich möchte, dass Du glücklich bist“ bleibt lange im Zustand des Feststeckens. Der Roman ist stellenweise zu lang und seine Kälte wirkt mitunter eher ermüdend als erhellend.
Trotzdem ist Calders Debüt ein Zeitporträt moderner Beziehungsunsicherheit. Es geht um Menschen, die Nähe wollen, aber nicht wissen, wie sie sie aushalten sollen – und deren Wohlwollen am Ende fast schon zur Ausrede wird, einander nicht wirklich zu begegnen. Ein Roman, der weniger begeistert als bedrängt: emotional kühl, gelegentlich zäh, in seiner nüchternen Präzision aber ungewöhnlich treffsicher.
Jem Calder: Ich möchte, dass Du glücklich bist
übersetzt aus dem Englischen von Jan Schönherr
Claassen, Oktober 2026
304 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
