Rebekka Eder: Der geheime Apfelgarten: Getrennte Welten

Vor 150 Jahren, zur Zeit unseres Romans also, war Finkenwerder noch eine Insel vor den Toren Hamburgs. Geteilt in preußisch und hamburgisch, mit strengen Regeln. Inzwischen ist das zwar anders, aber noch immer hat sich Finkenwerder den ländlichen Charme früherer Zeiten bewahrt. Die Apfel- und anderen Obstbäume und zahlreichen Höfe, die Backsteinbauten tragen ihren Teil zur dörflichen Idylle bei, die diesen Stadtteil, der heute unter anderem das Werksgelände von Airbus beheimatet, bis heute prägt und zum beliebten Ausflugsziel für Hamburger wie für Touristen macht.

Hier wächst die Protagonistin unseres Romans Ende des 19. Jahrhunderts auf. Als sie sechs Jahre alt war, ist Keas Mutter gestorben, sie wuchs bei ihrem Vater auf, der den von der Mutter so geliebten Apfelgarten in seiner grenzenlosen Trauer, vielleicht auch Wut, verwüstet und Kea strikt verboten hat, diesen Teil des großen Besitzes zu betreten. Statt Obst anzubauen, hat Jakob Koop eine erfolgreiche Pferdezucht aufgebaut. Keas Herz schlägt aber für die Äpfel, über die ihre Mutter ihr so viel erzählt und ihr so vieles beigebracht hat. Heimlich versucht sie, den alten Garten wieder aufzubauen, nachdem sie einen Sämling entdeckt hat, der eine der herrlich schmeckenden roten Früchte trägt.

Allerdings steht dieser Sämling auf hamburgischem Gebiet, im Garten der Rentfelds, mit denen ihr Vater, warum auch immer, bis aufs Blut zerstritten ist. Nicht nur die Grenze zwischen Preußen und Hamburg, auf der der Garten eben steht, sondern eben auch die erbitterte Feindschaft zwischen ihren Familien macht es Kea besonders schwer, ihren Traum zu verwirklichen. Unerwartete Hilfe bekommt sie von Kristen, einem der Häuslinge, einem Knecht der Rentfelds, den sie eines Tages zufällig im verwilderten Garten trifft. Heimlich machen sie sich gemeinsam an die Arbeit, den Garten wieder zum Blühen zu bringen. Doch dann verlässt Kristen Finkenwerder, um, auf Wunsch und Drängen seiner Mutter, mit seinem Onkel als Fischer zur See zu fahren. Auf unbestimmte Zeit. Jeden Tag denkt Kea an Kristen und hofft auf seine Rückkehr, auch wenn sie natürlich weiß, dass eine Verbindung zwischen ihr als junger Dame der besseren Gesellschaft und ihm, einem Knecht, undenkbar ist.

Inzwischen lebt auch Keas Cousine Rosa auf dem Koop-Hof. Sie musste Hamburg verlassen, ihre Familie hat sie aufs Land geschickt, sie hat Schande über die Familie gebracht und soll eine Weile bei ihrem Onkel und ihrer Cousine leben. Jakob hofft, dass Rosa es in dieser Zeit schaffen wird, Kea, den Wildfang, der die Natur und die Freiheit liebt, in eine Dame von Stand zu verwandeln, die sich entsprechend benimmt, und es ihm damit leichter zu machen, einen passenden Ehemann für Kea zu finden. Zunächst sind sich Kea und Rosa spinnefeind. Kea fühlt sich beobachtet, in ihrer Freiheit eingeschränkt. Das bestätigt sich, als sie Rosa eines Tages in ihrem geheimen Garten findet. Sie hat ihr schon tagelang nachspioniert. Jetzt glaubt Rosa, Kea in der Hand zu haben, und versucht, sie gefügig zu machen. Mit mäßigem Erfolg. Nach und nach allerdings wird aus der Feindseligkeit eine recht gute Freundschaft, und Kea erkennt, dass Rosa so verkehrt gar nicht ist. Sie möchte ihr sogar im Garten helfen und alles lernen, was Kea über den Apfelanbau weiß.

Fünf Jahre sind vergangen, bis Kristen eines Tages wieder im Garten steht. Kea wird sich erst jetzt richtig bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hat. Doch ihr Wiedersehen steht unter keinem guten Stern. In Hamburg ist die Cholera ausgebrochen, was zunächst nicht offen ausgesprochen wird. Doch die Krankheit macht auch vor Finkenwerder nicht halt. Kristens Mutter und sein kleiner Neffe, der beide Eltern verloren hat, erkranken. Dora, die Tochter der Rentfelds, stirbt an der Cholera. Auf das Übertreten der Grenze zwischen Hamburg und Preußen steht plötzlich die Todesstrafe. Doch das hält Kristen und Kea nicht davon ab, sich am Zaun zum Garten zu treffen. Mit schlimmen Folgen für Kristen, als Keas Vater sie zusammen sieht, aber auch mit Folgen für Kea, die von ihrem Vater hart bestraft wird.

Ein Roman, der sehr bildhaft das Leben Ende des 19. Jahrhunderts in Finkenwerder beschreibt, die Trennung zwischen Hamburg und Preußen, aber auch die Schrecken der Cholera, die verheerend gewütet hat. Ohne historisch zu sehr ins Detail zu gehen, schildert die Autorin die Lebensumstände authentisch und anschaulich. Wir lernen Kea und auch Rosa als starke, eigenwillige Frauen kennen, die sich nicht von äußeren Zwängen einengen lassen wollen. Die Liebesgeschichte zwischen Kea und Kristen ist nachvollziehbar dargestellt, nimmt aber Keas Motivation, den Apfelgarten wieder herzustellen, nicht allen Raum. Der Schreibstil ist flüssig und atmosphärisch, emotional, spannend und natürlich auch mit einer Prise Romantik.

Standesunterschiede, durch willkürliche Grenzen getrennte Welten, eine Liebe, die nicht sein sollte, eine Cholera-Epidemie, Frauen, die aufbegehren, all das sind Themen, die hier geschickt und interessant verwoben werden. Der Schluss des ersten Teils verlangt unbedingt nach Fortsetzung.

Rebekka Eder: Der geheime Apfelgarten
Rowohlt, August 2026
432 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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