Tommie Goerz: Der Baum

Tommie Goerz zu lesen, vermittelt ein Gefühl wohltuender Entschleunigung.

Wie seine beiden vorangegangenen literarischen Romane „Im Tal“ und „Im Schnee“ ist auch diese Geschichte in einer vergangenen Zeit von vor ca. achtzig Jahren angesiedelt.

Es ist eine Zeit, der eine Seele anhaftet. Die Handlung ist in einem kleinen Dorf angesiedelt. Hier kannte jede/r jede/n, mit allen Stärken und Schwächen. Nicht immer war diese Zeit gut gewesen, aber sie war verlässlich. Jeder hatte seinen Platz und seine Rolle, die er ausfüllte.

Schon nach den ersten Zeilen spürt man die Sogwirkung, die dieser Text verströmt, wobei die Handlung in einem ruhigen, bedächtigen Stil verläuft. Den Sätzen haftet eine eigentümliche Wahrhaftigkeit an.

Die Erzählung handelt von dem alten Gastwirt Michel, der sein Wirtshaus, den Baum, inGenerationenfolge weiterführt. Der riesige Tisch in der Gaststube existierte bereits, bevor die Mauern des Gasthauses um ihn herum gebaut wurden. „Das ganze Ortsleben ist hier auf den Tisch gekommen, er war für ganze Männergenerationen wichtiger als der Küchentisch daheim […]“ (E-Book S. 15). Am Ende der Generationenkette angekommen, ist der Tisch nun Teil von Michels eigener, tragischer Lebensgeschichte geworden.

Wir lesen vom Großvater, der vor langer Zeit dem kleinen Michel zwischen seinen Beinen unterm Tisch stets Schutz vor dem hypochondrischen, gewalttätigen Vater geboten hat. Weiter erfahren wir mehr von Michels Familie, in die er hineingeboren wurde, von den Gasthausbesuchern, oder von alten Traditionen.

In einer kleinen, fünfzig Jahre alten Geheimschachtel verwahrt Michel Bertas Schätze, die sie ihm einmal geschenkt hat. Zögernd lässt er die Erinnerungen an das ihm versagte Glück und an seine Schuld zu, die zäh aus seinem Mund fließt. Immer hat er die letzten fünfzig Jahre verdrängt, an die er sich eigentlich nie zurückerinnern wollte. Dass er dennoch den Mut aufbringt, sich zu öffnen und sich damit auseinanderzusetzen, vertreibt endlich die belastende Schwere in ihm und rückt sein Leben wieder ins Lot.

Der unaufgeregte Stil und die Schilderung der Einfachheit, in der doch so viele Emotionen verankert sind, werfen auf das wirklich Elementare zurück.

Dieser kleine Roman nimmt die LeserInnen mit in eine Zeit, in der der Alltag von einem bescheidenen, rigiden Dasein und Pflichterfüllung geprägt war.

Tommie Goerz spiegelt diese Atmosphäre berührend und intensiv und hinterlässt ein melancholisches Sehnsuchtsgefühl.

Tommie Goerz: Der Baum
Piper, Oktober 2026
160 Seiten, gebundenes Buch, 22,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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