Worum geht es in Wolfgang Schorlaus zwölftem Dengler-Krimi? Um einen Tech-Milliardär und seine Visionen, um strategische Allianzen mit rechtsradikalen Parteien, um ausbeuterischen, unmenschlichen Kapitalismus, um die Suche nach einem verschollenen Bruder. Und eher am Rande auch um einen Mord, der allerdings erst auf S. 268 geschieht.
Der stärkste Teil des Romans sind die ersten 129 Seiten, auf denen Schorlau drei Themen miteinander verwebt. Zum einen legt er die selbstverliebten autokratischen Träume der amerikanischen neolibertären PayPal-Mafia und ihrer industriellen Verbündeten unmissverständlich offen. Dabei lässt er mithilfe zahlreicher Anspielungen und Zitate keinen Zweifel daran, wen er porträtiert: Hinter Hyper1 „verbirgt“ sich Elon Musk (»Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie«), hinter Jim der mittlerweile nicht mehr so heimliche ideologische Antreiber Peter Thiel (»Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.«).
Zweitens schildert er – in die extreme Taylorisierung der Arbeitsprozesse spiegelnden kurzen, abgehackten Sätzen – die inhumanen Arbeitsbedingungen in Musks deutschem Automobilwerk.
Und drittens erzählt er die Geschichte von Denglers Freundin Olga, die in ihr rumänisches Heimatdorf gereist ist, um Spuren ihres verschollenen Bruders Florin zu finden. Auch dieser Teil kann mit stilistisch eindrücklichen Schilderungen punkten.
Danach fällt die Erzählung allerdings ab, geprägt nicht von einem spannenden Plot, sondern von Schorlaus Wunsch, die gewerkschaftsfeindliche und ausbeuterische Geschäftspolitik Musks wieder und wieder zu entlarven (Schorlau hält sich dabei weitgehend an die Fakten, wie den Umgang mit der IG Metall, den häufigen Arbeitsunfällen und kranken Mitarbeitern). Manche Dialoge und Charakterisierungen geraten dabei leider etwas zu plakativ, die Handlung an einem Punkt geradezu abstrus.
In seiner Rede während einer Kunst-/PR-Aktion im »kalten Werk« referiert Hyper1/Musk die Gründe für die Unterstützung rechtsradikaler Parteien in Europa, in Anwesenheit der »Vorsitzenden der deutschen Nazi-Partei«. Über die denkwürdige Rolle, die Schorlau Alice Weidel in seiner Erzählung zugedacht hat (die hier nicht verraten werden darf), kann man lange spekulieren. Gespannt sein darf man auf Weidels Reaktion – so sie davon erfährt. Sollte sie, was durchaus denkbar ist, sich öffentlich äußern, wäre diesem Buch jedenfalls größte Publizität garantiert.
Auch das Ende lässt einen unzufrieden zurück; nicht, weil es so unspektakulär ist, sondern weil es lustlos wirkt. Beide Fälle, die Suche nach Florin und der Mord, werden mit wenigen, dürren Worten abgewickelt, als wollte der Autor, der alles, was ihm wichtig war, gesagt hat, den Rest nur noch eben hinter sich bringen.
»Das kalte Werk« ist von Konzeption und Intention her ein didaktischer Roman. Schorlaus Verdienst besteht darin, ein hochaktuelles Buch geschrieben zu haben, in dem er die mehr als fragwürdigen Produktionsmethoden und strategischen Ziele einer neuen Kaste von Multimilliardären zum Thema gemacht hat.
Wolfgang Schorlau: Das kalte Werk.
Kiwi, November 2026.
352 Seiten, Taschenbuch, 18,00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
