Herbstspecial 2026

Was das Wetter schon vor einer Weile beschlossen hat, ist heute offiziell: Der Herbst beginnt! Für einige ist diese Jahreszeit der bunten Blätter, geschnitzten Kürbisse und Kuschelpullis das Highlight des Jahres (meine Cozy-Herbst-Playlist ist fast sieben Stunden lang), einige trauern dem Sommer hinterher – und für alle haben wir unser diesjähriges Herbstspecial konzipiert! Egal ob cozy oder melancholisch; gruselig, nachdenklich, sehnsuchtsvoll: Wir stellen euch hier unsere Lesehighlights vor, die perfekt in den Herbst passen! Kocht euch einen Tee und viel Spaß beim Lesen!

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sandra Hoffmann: Mogadischu

„Das Zelthaus verlor seine Spannung, zurück blieb ein ockergelbes Stoffgewand, darunter das Stangengerüst. Haut und Knochen.“

So fühlt sich auch Friederike, die 11-jährige Protagonistin des neuen Romans der Münchner Autorin Sandra Hoffmann. Als sei nur noch ein Gerippe übrig von ihr, ihrem Vater, ihrer Familie. Vor ein paar Tagen hat ihre Mutter zusammen mit dem geliebten kleinen Bruder den gemeinsamen Urlaubsort, den Campingplatz an der Adriaküste, ohne Erklärung verlassen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Jetzt entscheidet der Vater, das Warten aufzugeben und nach Hause zu fahren. Minutiös schildert die Autorin, wie Vater und Tochter das eigentlich Unmögliche tun: das Zelt abbauen, sich beim vertrauten Campingplatzbesitzer das überzählige Geld abholen, an üblicher Stelle im Ort halten, um noch etwas zu essen vor der langen Heimfahrt – ohne die andere Hälfte der Familie. Jeder Handgriff ist vom Scheitern bedroht. Mitleidige Blicke der Zeltnachbarn, Männer, die dem Mädchen über die Haare streichen, Essen, das im Hals stecken bleibt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ein Gewalteinbruch. Der Vater beschließt, Oma, Nachbarn, Schule einen Bären aufzubinden. Wovon man nicht sprechen kann, darüber soll geschwiegen werden.

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kerstin Preiwuß: Wir alle

Doppelrezension:

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs:

»Books – Food for thought«, steht auf einem Lesezeichen, das mir in einem englischen Laden ins Buch gelegt wurde.

Wie bei Kerstin Preiwuß, die uns in eine Welt aus Gedanken entführt, in eine zunächst undurchsichtige Welt: assoziativ, verwirrend, scheinbar zusammenhanglos. Wie das Leben der Hauptfiguren: Sonja, Inhaberin eines Pfandhauses, sucht nach Orientierung in einer sich verändernden Welt. So wie ihre Kunden: Vivian, eine leicht paranoide, sich in sozialen Medien verlierende junge Frau; der Stichling, der Sonja die mit seinem Detektor auf einem ominösen »Feld« gefundenen Schätze bringt; der Häuptling, ein Rentner, der sein Leben mit Beschäftigung zu füllen sucht.

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Norbert Scheuer: Holunderholz

„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk“, schreibt der Autor in seinem Nachwort. Und er fährt fort: „Ich bin kein Historiker. Ich erzähle Geschichten. Aber solche Ereignisse (Anm.: die Explosion des Kalvarienberges in Prüm 1949) … verschwinden nicht. Sie wirken fort, verändern Haltungen, kehren in anderer Gestalt zurück. Vielleicht erklärt sich daraus meine Aufmerksamkeit für das Fragmentarische … für das Schweigen zwischen den bekannten Fakten.“

Holunderholz – was für ein schönes Wort! Und nicht nur das: Aus dem harten Holz des Holunderbaumes lässt sich eine Flöte schnitzen: „Wenn man hineinbläst, klingt es nicht wie ein Instrument. Es klingt eher, als würde etwas antworten.“ Es ist ein Mädchen, eine junge Frau, kaum der Sprache mächtig, die auf dem Hollerholz ihre Version der Geschichte lebendig werden lässt.

Der seit vielen Jahren bekannte Autor aus der Eifel, Norbert Scheuer, erzählt in seinem neuen, seinem elften Roman –  nach dem mit dem Wilhelm-Raabe-Preis geehrten und für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagenen „Winterbienen“ (2019)  – eine Geschichte, wie er sie eben erzählen kann. Auf direktem Wege geht es nicht.

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Özge Inan: Die Dichterin

Die Dichterin und die Hochstaplerin

„Du weißt ja selber, wie es ist. Man erzählt etwas im Text, und man erzählt etwas mit seinem Körper und seiner Stimme und seinem ganzen Sein. (…) Und das muss sich decken. Auf welche Art auch immer. Sonst funktioniert es nicht“, sagt Vanessa, die eigentliche Dichterin der Gedichte, die die smarte Hochstaplerin Emma Rodenstock als die ihren ausgegeben hat. Vanessa ist es in ihrer eher unscheinbaren Art nicht gelungen, ihre lyrische Anklage unters Volk zu bringen. Emma jedoch ist eine Erscheinung, immer eloquent und schaut dem Publikum noch dazu geradewegs ins Gesicht. So nimmt es beschämt und dankbar den Angriff in Gedichtform entgegen und erhebt Emma zum umjubelten Star des Feuilleton. Diese sonnt sich in unverdientem Ruhm, nicht ahnend, dass die junge Journalistin Nazanin sich auf den Weg gemacht hat, die Hochstaplerin zu enttarnen.

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Matthias Nawrat: Das glückliche Schicksal

Venedig und Krakau 1983

Wanda, eine junge polnische Sozialpsychologin, fliegt von Krakau nach Venedig, um dort den Kybernetiker und polnischen Emigranten Mrugalski , der etwa im Alter ihres Vaters ist, zu interviewen. Wir befinden uns im Jahr 1983, mitten im Kampf der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc für ein Mehr an Freiheit und Demokratie im sozialistischen Staat.

Also ein Vater-Tochter-Konflikt? Vergangenheit – Gegenwart? Ost – West?  Anpassung -Widerstand?

Wir springen hin und her zwischen einem Venedig, das wir nicht kennen, weil Rialto-Brücke und Markusplatz nicht vorkommen, und einem Krakau der frühen 80er Jahre, das die meisten auch nicht kennen, denn kaum hat es in jenen Jahren Reisende dorthin verschlagen. Lech Walesa kommt nicht vor, dafür Menschen, die für ihr Engagement bespitzelt werden, einsitzen oder von der Flucht träumen wie Marian, Wandas Freund. Andere bleiben und packen Hilfspakete für die durch Verfolgung verwaisten Familien.

Weiterlesen →
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: