Miriam Gordon soll eigentlich nur Zwischenfälle notieren. Wer hat in der Bibliothek randaliert? Wer hat gestört? Wer fiel auf? Doch was die 35-jährige Angestellte einer öffentlichen Bibliothek in Toronto in Martha Baillies Roman „Besondere Vorkommnisse“ zu Papier bringt, ist weit mehr als Dienstprotokoll und Aktennotiz.
Aus 144 kurzen Berichten setzt sich dieser ungewöhnliche Roman zusammen. Sie wirken mal wie Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, mal wie poetische Miniaturen, mal wie Splitter einer verletzten Biografie. Miriam schreibt über die Menschen, die in die Bibliothek kommen: Einsame, Suchende, Verlorene, Sonderlinge. Zugleich schreibt sie, oft nur angedeutet, über sich selbst. So wird die Bibliothek zum Ort, an dem öffentliche Ordnung und private Unordnung direkt nebeneinanderstehen.
Baillie erzählt nicht linear. „Besondere Vorkommnisse“, die deutsche Ausgabe von „The Incident Report“, ist kein Roman, der seine Leserinnen und Leser mit Handlung vorantreibt. Das Buch sammelt Eindrücke, Brüche, Stimmungen. Gerade darin liegt seine Stärke. Die Bibliothek erscheint als soziales Brennglas: Hier werden Menschen sichtbar, die sonst leicht übersehen werden. Kleine Irritationen, beiläufige Sätze, merkwürdige Begegnungen bekommen Gewicht.
Die Form ist dabei eigenwillig und konsequent. Baillies Sprache ist knapp, verdichtet, manchmal fast kühl. Das passt zu Miriam, die versucht, Chaos in Sprache zu fassen und sich selbst zugleich auf Abstand zu halten. Diese Zurückhaltung kann sehr reizvoll sein, weil sie Raum für Zwischentöne lässt. Sie kann aber auch auf Distanz halten. Wer einen emotional zugänglichen Roman mit klarer Dramaturgie erwartet, wird sich womöglich schwertun.
Martha Baillie: Besondere Vorkommnisse
Verlag Klaus Wagenbach, August 2026
208 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
