Özge Inan: Die Dichterin

Die Dichterin und die Hochstaplerin

„Du weißt ja selber, wie es ist. Man erzählt etwas im Text, und man erzählt etwas mit seinem Körper und seiner Stimme und seinem ganzen Sein. (…) Und das muss sich decken. Auf welche Art auch immer. Sonst funktioniert es nicht“, sagt Vanessa, die eigentliche Dichterin der Gedichte, die die smarte Hochstaplerin Emma Rodenstock als die ihren ausgegeben hat. Vanessa ist es in ihrer eher unscheinbaren Art nicht gelungen, ihre lyrische Anklage unters Volk zu bringen. Emma jedoch ist eine Erscheinung, immer eloquent und schaut dem Publikum noch dazu geradewegs ins Gesicht. So nimmt es beschämt und dankbar den Angriff in Gedichtform entgegen und erhebt Emma zum umjubelten Star des Feuilleton. Diese sonnt sich in unverdientem Ruhm, nicht ahnend, dass die junge Journalistin Nazanin sich auf den Weg gemacht hat, die Hochstaplerin zu enttarnen.

Özge Inan und ihr Thema: der Kulturbetrieb

Özge Inan, die junge Berliner Journalistin (Wochenmagazin Der Freitag) und Autorin, die früh mit ihrem flotten kritischen Ton auf Twitter / später X aufgefallen ist, hat mit ihrem zweiten Roman nur scheinbar die politische Bühne verlassen: Es ist der Literaturbetrieb in der Hauptstadt, ein Schmerztiegel bundesrepublikanischen Kulturlebens, den sie hier zum Thema macht. Social-Media-gesteuertes Buhlen um Aufmerksamkeit,  skrupellose Aneignung fremder Kreativität, Ehrgeiz und Karrieredenken, inhaltsentleertes Feilschen um Kulturgüter wie Kunst, Dichtung und Wahrheit lassen „Die Dichterin“ zu einer unterhaltsamen, spannungsreichen Geschichte werden, in der die Menschen mit ihren Bedürfnissen nach Selbstdarstellung, Erfolg und Macht ihren eigentlichen Gegenstand, die Kunst, fast zu zerstören drohen.

Zur Story

Die Journalistin Nazanin Esfahani beobachtet  fasziniert den Erfolgsrausch, der die smarte Erscheinung  von Emma Rodenstock umgibt, die gerade mit Gedichten über die Herkunft aus armen Verhältnissen reüssiert. Nazanin soll ein Porträt über sie schreiben und hofft damit, ihrer Karriere beim Hauptstadtmagazin einen ordentlichen Schub zu verleihen. Lang wissen die LeserInnen nicht, ob Nazanins Freund Tarek recht hat und sie nur besessen ist von ihrem Versuch, einen Kratzer in Emmas perfekter Performance zu finden. Wie bei einem Katz-und-Maus-Spiel erscheinen uns Dichterin und Journalistin immer ähnlicher zu werden: nach außen hin taff und ehrgeizig, nach innen selbstbezogen, zweifelnd, verunsichert. Nazanin schwankt im Freundeskreis aus Volontären, die alle um die versprochene feste Stelle buhlen, zwischen Loyalität und Konkurrenz; Emma feilt, vom unbedingten Willen zum Erfolg beflügelt, zwanghaft an jedem Wort, jeder Pointe, jedem Kleidungsstück, um ihr privates (denn Hochstapelei schwappt über alle Lebensbereiche) und öffentliches Glanzbild zu vervollkommnen. Auch sie hat einen sympathischen Begleiter, den großherzigen Schriftstellerkonkurrenten Ilja und ihre Lektorin Laura ist ihr in jeder Situation Freundin und Geschäftspartnerin zugleich.

Dabei gerät die Dichtung etwas ins Hintertreffen. Ein Gedicht, in dem im Stil politischer Lyrik von Heine bis Fried ein von Armut und Not geplagtes Wir dem satten und gleichgültigen Ihr sein Rachebedürfnis entgegenschleudert, muss als Beispiel für die hohe Kunst Vanessas herhalten, die sich Emma so skrupellos aneignet.

Kritisches

Allerdings überzeugt weder das Gedicht, um das sich alles dreht, noch die Figur seiner wahren Verfasserin. Insofern dreht sich der Plot meiner Ansicht nach allzu sehr um die Mechanismen und Menschen im Literaturbetrieb, während die „Ware“ Kunst  auch im Roman zum bloßen Konstrukt gerät. Der Bäckereiverkäuferin Vanessa glaubt man  einfach nicht, dass es ihr „gut“ geht, sie wirkt  vor allem als Opfer von übergriffiger Kaltblütigkeit und von Außenseitern getriggertem Kulturbetrieb. Die wütenden Zeilen, die Not, die aus den Versen spricht („Ihr kriegt, ihr kriegt, ihr kriegt/ wir kriegen Hunger“)   müsste sie auf neue Art der unverschämten Emma entgegenschleudern, die statt vor Scham in den Boden zu versinken von oben herab ihr Motiv vorgibt: Sie habe ihr nur helfen wollen. Wie Vanessa resigniert hinnimmt, dass ihre Gegenspielerin nun auch noch die Geschichte ihrer eigenen Entlarvung vermarkten will, lässt die LeserInnen ratlos zurück. Nicht Mitleid, sondern Solidarität mit Wut gepaart wollten wir doch nach dieser Lektüre empfinden.

Die Kunst gerät  insofern nicht nur im kapital- und aufmerksamkeitsfixierten Kulturbetrieb, sondern auch in diesem sonst durchweg unterhaltsamen Roman zu kurz, findet die Rezensientin. Nach ihrem ersten Roman über die politische Repression in der Türkei in den vergangenen 40 Jahren („Natürlich kann man hier nicht leben“, Piper Taschenbuch 2023) aber dennoch ein unterhaltsames, erfrischendes Leseerlebnis mit hohem Wiedererkenneffekt!

Özge Inan: Die Dichterin
Piper, Juli 2026
Roman, 224 Seiten, 24 Euro

Diese Rezension schrieb Franziska Hielscher.

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