Den US-amerikanischen Schriftsteller T. C. Boyle (Jahrgang 1948) muss man nicht mehr vorstellen. Wir haben viele Bücher von ihm auf unserem Blog besprochen. Im letzten Jahr war es der Roman „No Way Home“.
Am 21. Juli 2026 ist Boyles neuestes Werk „Das Ende ist nur ein Anfang“ bei Hanser in einer Übersetzung von Dirk van Gunsteren erschienen. Darin finden wir zwölf Kurzgeschichten, Storys, von denen einige auf Englisch in verschiedenen amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht wurden.
T. C. Boyle überzeugt mit seinen „Storys“ unter dem Titel „Das Ende ist nur ein Anfang“
In seiner unnachahmlichen Art verbindet Boyle Figurenzeichnungen mit aktuellen Kontexten. Politische und gesellschaftliche Themen fließen hier in die Form der Kurzgeschichte ein. Sei es der Klimawandel, die amerikanische Regierung oder der Niedergang der amerikanischen Gesellschaft, Boyle ist überzeugend in der langen und der kurzen Form der Literatur.
In der ersten Geschichte des Buches, „Prinzessin“, sucht eine junge Frau ein Zuhause. Dazu dringt sie in die Häuser anderer Menschen ein und legt sich dort schlafen.
Oder „Kalter Sommer“, in dem es im Juli schneit, weil ein philippinischer Milliardär Schwefelsäure in die Stratosphäre versprüht hat.
In „Schutzgebiet“ versucht eine Mitarbeiterin, das Territorium für Schmetterlinge an der mexikanischen Grenze gegen eine republikanische Politikerin im Wahlkampf zu verteidigen.
Die titelgebende Geschichte „Das Ende ist nur ein Anfang“ nimmt noch einmal Bezug auf die Anfänge der Corona-Pandemie in den USA.
„2036“ zeigt ein dystopisches Szenarium, in dem das Land von einem Diktator regiert wird, der Menschen ohne jeden Grund wegsperren lässt und vollkommen willkürlich über ihre Freilassung entscheiden kann. Und wie es Menschen zu denunzierenden Mitläufern macht. Nicht unschwer ist die Parallele zu Donald Trump und dem Wirken der ICE-Behörde erkennbar.
„In Vino Veritas“ beschreibt, wie Studienteilnehmer, die ihren auf zwei Gläser pro Tag festgelegten Alkoholkonsum dokumentieren sollen, in Sucht und Abhängigkeit abgleiten.
T. C. Boyle und Amerika: Vielleicht gibt es noch Hoffnung?
T. C. Boyle beschreibt in seinen „Storys“ ein USA-Bild mit seinen Menschen, das skurril anmutet, aber der Wirklichkeit wahrscheinlich sehr nahe kommt oder sie gar überholt. Obdachlosigkeit, Klimakrise, Pandemie, Donald Trumps MAGA-Bewegung, Amokläufe etc. treffen auf Figuren, die dem nicht gewachsen sind und sich in bizarre Situationen manövrieren. Am Ende der Geschichten sitzt man als Lesende mit offenem Mund da und fragt sich, wie das passieren konnte.
Zwei der zwölf Geschichten spielen in Asien, in Indien und in Japan. „Der Menschenfresser“ ist dem Schriftsteller Kenneth Anderson gewidmet, der in Indien lebte und mehrere menschenfressende Tiger und Leoparden tötete. „Das nichtexistente Kind“ thematisiert den demografischen Wandel in Japan auf brutale Art.
Die Kurzgeschichten „Das Ende ist nur ein Anfang“ von T. C. Boyle locken die Leserinnen und Leser in eine kaleidoskopische Welt, in der man aus dem Staunen nicht herauskommt. Auf wenigen Seiten bündeln sich Stoffe, Themen und Figuren, aus denen ganze Romane entstehen könnten.
Boyles kritische Beobachtungen führen zu der Erkenntnis, dass die Welt, die Demokratie und die Menschen schon fast verloren sind, aber vielleicht noch nicht ganz, wie der Titel schon sagt.
T. C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang: Storys
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Hanser Literaturverlage, Juli 2026
240 Seiten, Hardcover, 25,- Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
