Doppelrezension:
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs:
»Books – Food for thought«, steht auf einem Lesezeichen, das mir in einem englischen Laden ins Buch gelegt wurde.
Wie bei Kerstin Preiwuß, die uns in eine Welt aus Gedanken entführt, in eine zunächst undurchsichtige Welt: assoziativ, verwirrend, scheinbar zusammenhanglos. Wie das Leben der Hauptfiguren: Sonja, Inhaberin eines Pfandhauses, sucht nach Orientierung in einer sich verändernden Welt. So wie ihre Kunden: Vivian, eine leicht paranoide, sich in sozialen Medien verlierende junge Frau; der Stichling, der Sonja die mit seinem Detektor auf einem ominösen »Feld« gefundenen Schätze bringt; der Häuptling, ein Rentner, der sein Leben mit Beschäftigung zu füllen sucht.
Und dann ist da noch »Ich«, die Autorin selbst, die Chronistin, die durch eine Stadt streift, ziellos, wie getrieben, und alles in sich aufnimmt:
»Ich liege im April im Park, es ist die erste Sonne und sie brennt. Sie fackelt mir die Haut ab. Sie kocht mich und macht die Organe klar. Was man da nicht alles hört.«
Sie steht mitten im Treiben der Stadt und schwebt dennoch darüber, eine gleichzeitig analytische, empathische und wild assoziierende Beobachterin des Großen und Ganzen und jedes Details: Tomatenpflanzen, tote Mäuse, Medaillenspiegel, Zugausfälle, Kriegsverbrechen. Durch das Auge der Schriftstellerin wird alles zu Literatur.
Auch sie leidet an der Welt, so sehr, dass sie sich während einer Lesung einen »plötzlichen Blutsturz gewünscht hätte, so auffällig wie möglich […], ein Stück Fleisch aus dem Inneren, […] [das] die Seiten des Buchs tränkte, aus dem ich gerade las.«
Sonja, Vivian, der Stichling und der Häuptling finden sich zwar plötzlich auf einer gemeinsamen Reise wieder, aber sie alle sind gefangen in ihrem eigenen, winzigen Kosmos, damit überfordert, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, geschweige denn, die anderen zu verstehen. Sie leiden, jeder auf seine Art, denn: »Wir haben nicht so viel Zeit, um glücklich zu werden. Wir haben gar nicht genug Zeit für unser Leben.«
Mehr soll über den Inhalt nicht verraten werden, denn das besondere Lesevergnügen besteht darin, dass sich die vielen losen Fäden erst ganz allmählich, Seite für Seite, zusammenfügen: Ort und Zeit der Handlung, die Verbindung zwischen den Protagonisten, ihre Hintergründe, ihre Ängste und Träume.
Preiwuß schildert die Ereignisse und Gedanken fast vollständig aus der personalen Perspektive, mit wenigen auktorialen Einschüben. Auf diese Weise sind wir den Figuren immer ganz nah, auch wenn man nicht alles auf den ersten Blick versteht. Was zum einen an den mäandernden Gedanken und den assoziativen Sprüngen liegt, zum anderen an der unkonventionellen, kunstvollen, wie freischwebenden Sprache. Ungewöhnliche Metaphern und Leitmotive wollen entdeckt, Passagen wie Gedichte im freien Vers wollen entschlüsselt werden.
Gerade darin könnte für manche die Krux liegen, denn über 240 Seiten verlangt Preiwuß ihren LeserInnen viel Konzentration und Interpretation ab und die Bereitschaft, Abschnitte auch zweimal zu lesen, um sie vollständig zu verstehen und in den personalen und den historischen Kontext einordnen zu können. Zumal sich viele eher kryptische Formulierungen und Metaphern finden:
»Vivian verdrehte ihre Augen so weit wie möglich. Vielleicht sah man so irgendwann seine Schädelwand von innen, aber unter welchem Licht? Man könnte sie sicher auch umstülpen, aber das wäre, als würde man sich durch den Blackjack-Automaten jagen.«
Dies ist kein Buch zum Schnelllesen. Man muss sich Zeit nehmen und sich auf die Figuren und die beeindruckende Sprache einlassen. »Wir alle« ist ein ungewöhnlicher Roman, wahrlich keine leichte Lektüre, aber ein Buch, das Gedanken freisetzt, dessen Geschichten und Reflexionen man weiterspinnen kann.
Für uns alle: Food for thought.
Diese Rezension wurde verfasst von Franziska Hielscher:
„Ich liege im April im Park, es ist die erste Sonne und sie brennt. Sie fackelt mir die Haut ab. Sie kocht mich und macht die Organe klar.“,
so beginnt ein erzählendes Ich den neuen Roman von Kerstin Preiwuß. Ein erhitzter, gefährlicher Zustand wird beschworen, der die Empfindungsfähigkeit des Ich aufs Äußerste steigert.
Kerstin Preiwuß, Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und 1980 in Plau am See geboren, schreibt neben Romanen auch Gedichte. Vor allem diese haben ihr eine Reihe von bedeutenden Preisen eingebracht. In ihrem dritten Roman „Wir alle“ ist diese Nähe zur Lyrik sehr spürbar: Die Worte ihrer Figuren evozieren Befindlichkeiten, Zustände, Emotionen – aber sie erzählen keine Geschichten im eigentlichen Sinn.
Die Frauen haben Namen, Männer Funktionen. Sonja und Vivian, der Stichling und der Häuptling heißen ihre vier Protagonisten, die sich in einer großen Stadt – dass es Leipzig ist, ist unverkennbar – mit ihrem Leben und ihrem Tod, und auch dem der anderen, herumschlagen.
Sonja, die Pfandverleiherin, hält sich ihre Kunden mit ausgeklügelten Ritualen vom Leib und ist sicher, abgehärtet zu sein gegen alles, was kommen mag. Die ausgestiegene Studentin Vivian stromert dagegen unruhig durch die Stadt, wenn sie sich überhaupt aus ihrem Bett bequemt: Seit dem Tod ihrer Mutter hat sie die Kontrolle über ihre Tage verloren. Die Männer tun immer etwas, auch wenn es vage bleibt, zu welchem Zweck: Der eine, Stichling, stochert in der Erde und sucht in den menschlichen Überresten vergangener Schlachten nach Schätzen, der andere, der Häuptling, ist im Ruhestand, kann aber keine Ruhe geben und leiert deshalb ständig Projekte an und sucht Anschluss.
Eine tiefgreifende Einsamkeit verbindet die Figuren. Drinnen und draußen herrscht Untergangsstimmung. Wie von Menschen und Dingen losgelöste Schatten bewegen sie sich durch Leipzig. In ihrer je eigenen Sprache monologisieren sie vor sich hin. Sonja ist ganz auf Abwehr gepolt und doch wird ausgerechnet ihr Pfandleihhaus zum Begegnungsort. Wenn der Stichling auf den alten Schlachtfeldern mal eine Münze findet, trägt er sie, auf einen schönen Geldwert hoffend, zu Sonja. Der Häuptling hat nichts zu versetzen, aber vielleicht etwas anzubieten. So steht er manchmal bei ihr im Laden herum und lässt seine Redesalven los. Vivian dagegen will etwas loswerden. Sie schneit eines Tages herein, um die zu einem Diamanten geschmolzene Asche ihrer Mutter in Sonjas treue Hände zu geben.
Als eine Massendemonstration eskaliert, sind sie alle vier gerade wieder bei Sonja. Sie müssen fliehen. Widerwillig verlassen sie mit Sonjas Auto die Stadt. Sie landen in einem stundenlangen Stau. Die Luft scheint zu explodieren zwischen ihnen in dem engen Gefährt. Nicht zu glauben, dass sie am Ende ihrer Reise in einem Hotel mit Blick aufs Meer zueinander finden.
Die Stärke dieses Romans liegt für mich in der Sprache. Die Figuren erscheinen wie lebendige Menschen, mit denen wir eben mal Bekanntschaft gemacht haben: Mit umwerfenden Redewendungen, Wortspielereien und Assoziationsketten werden Angeberei, Selbsthass, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht eingefangen. Die Sprachmacht, mit der Vereinzelung und Verzweiflung zum Ausdruck kommen, wirkt in meinen Augen um vieles kraftvoller als das solidarische “Wir“ am Ende. Ich zumindest konnte das „Wir“ so wenig glauben wie die Protagonisten selbst.
Ein Roman für Freunde der Sprache und der Melancholie.
Kerstin Preiwuß: Wir alle.
Berlin Verlag, September 2026.
240 Seiten, Hardcover, 25,00 €.
