Mit „Goliaths Auge“ legt der argentinische Autor Diego Muzzio einen schmalen, aber dichten Roman vor. Es ist ein Buch über Trauma, Wahnsinn und die dunklen Schatten der Vernunft – und zugleich eine unheimliche Erzählung, die an die großen Vorbilder der Gothic Novel wie Stevenson oder Poe erinnert.
Im Zentrum steht der Psychiater Edward Pierce, der in einem schottischen Sanatorium mit damals neuartigen Methoden wie Hypnose arbeitet. Einer seiner Patienten ist ein verstörter Ingenieur, dessen Geschichte Pierce immer tiefer in eine Vergangenheit hineinzieht, die in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs und in einen abgelegenen Leuchtturm in Patagonien führt. Dort, am äußersten Rand der Welt, verdichten sich Isolation, Angst und Erinnerung.
Muzzio erzählt diese Geschichte als Spiel aus Spiegelungen, Verdopplungen und unsicheren Wahrnehmungen. Die Grenzen zwischen Arzt und Patient, Vernunft und Wahn, Beobachtung und Einbildung geraten zunehmend ins Rutschen. Gerade daraus bezieht der Roman seine Spannung: weniger aus spektakulären äußeren Ereignissen als aus der psychischen Bedrohung, die über jeder Szene liegt.
„Goliaths Auge“ wirkt zunächst kompakt, wird aber schnell labyrinthisch. Der Leuchtturm in der patagonischen Einöde wird zum Symbol totaler Verlassenheit. Zugleich bleibt der Erste Weltkrieg als unsichtbare, zerstörerische Kraft im Hintergrund stets präsent.
Ein reiner Horrorroman ist das nicht. Eher ein literarischer Albtraum: anspruchsvoll und atmosphärisch dicht.
Diego Muzzio: Goliaths Auge
übersetzt aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
mare, Juli 2026
205 Seiten, gebundene Ausgabe, 22 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
