Lutz Seiler: Das tickende Herz

Lutz Seilers „Das tickende Herz“ ist kein leicht zugänglicher Roman. Schon früh wird deutlich, dass die vielen esoterischen und surrealen Passagen den Lesefluss bremsen. Philosophische Ausführungen, offene Bedeutungen und zahlreiche Anspielungen verlangen den Leserinnen und Lesern viel ab. Immer wieder droht die Handlung hinter abstrakten und surrealen Passagen zu verschwinden.

Im Mittelpunkt steht der Handwerker und Dichter Carl Bischoff, ein nach dem Aus einer Beziehung verunsicherter Mann, der zunehmend zwischen Realität und Wahn schwankt. Als er Aysha begegnet, einer attraktiven, rätselhaften und der Esoterik zugeneigten Frau, beginnt eine Reise, die bald weit über eine gewöhnliche Liebesgeschichte hinausweist. Carl folgt Aysha durch eine geheimnisvolle Welt, in der persönliche Ängste, politische Geschichte, Verschwörungsideen und metaphysische Fragen ineinandergreifen.

Dabei ist Carl eine psychologisch interessante Hauptfigur. Er wirkt sensibel, verletzlich und orientierungslos. Immer wieder bleibt offen, ob er tatsächlich Dinge erlebt oder ob sie seiner zunehmend aus dem Gleichgewicht geratenen Wahrnehmung entspringen. Auch Aysha behält etwas Undurchschaubares. Ihre Mischung aus Anziehungskraft, Geheimnis und esoterischem Denken macht sie zu einer spannenden Figur.

Der Autor entwickelt starke Bilder und schafft eine eigentümliche Atmosphäre zwischen Traum, Gegenwart und Bedrohung. Zugleich stellt sich aber die Frage, ob sich die Vielzahl an Motiven und Ereignissen noch überzeugend in einem Roman zusammenhalten lässt. Schamanismus, Atomgeschichte, Verschwörung, Weltrettung und Liebesgeschichte stehen hier nebeneinander. Das ist ambitioniert, wirkt aber nicht durchgehend zwingend. Gerade die metaphysischen und allegorischen Teile sind mitunter weitläufig und ermüdend. Auch neigt Seiler zu einer gewissen Detailverliebtheit sowie zu einer mäandernden Erzählweise, die sich oft kleinere Abzweigungen zum eigentlichen Geschehen erlaubt – das erinnert zuweilen an den „Free Flow of Consciousness“. Das mag oft fantasievoll und kreativ wirken, genauso oft aber ermüdend und nicht zielführend.

„Das tickende Herz“ ist deshalb weniger eingängig als Seilers frühere Romane. Wer sich auf die offenen Fragen, die surrealen Bilder und die psychischen Abgründe der Figuren einlässt, findet ein fantasievolles und anregendes Buch. Wer eine klar geführte Handlung erwartet, dürfte dagegen öfter die Orientierung verlieren. Ein ungewöhnlicher Roman mit einer starken Hauptfigur – aber auch mit deutlichen Längen.

Lutz Seiler: Das tickende Herz
Suhrkamp, Oktober 2026
464 Seiten, gebundene Ausgabe, 28 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.

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