Ein Jahr lang dürfen wir uns in diesem neuen Roman von Caren Benedikt in zwei wunderschönen Hotels in und in der Nähe von Salzburg aufhalten, die es auch heute noch gibt. Zum einen der „Goldene Hirsch“ in der Stadt Salzburg selbst, dann das „Schlosshotel Fuschl“ am Fuschlsee, nicht weit von Salzburg entfernt. Gemeinsam mit der Familie der Theresa von Reuschenberg, der beide Hotels gehören und die sie mit Liebe zum Detail und sehr viel Leidenschaft führt, erleben wir ein recht turbulentes Jahr – geschäftlich wie privat. Es ist gerade alles ziemlich chaotisch im „Goldenen Hirsch“, Theresa weiß manchmal nicht, wo ihr der Kopf steht.
Die Salzburger Festspiele laufen, Hotel und Restaurant sind ausgebucht, die High Society geht hier ein und aus. Am Fuschlsee laufen die Dreharbeiten zum ersten „Sissi“-Film, das Schlosshotel dient als Kulisse für Schloss Possenhofen, wo die spätere Kaiserin Sissi aufgewachsen ist. Es ist also genug zu tun für Theresa und ihre Mitarbeiter. Gleichzeitig ist die gesamte Familie in den Hotelbetrieb eingebunden. Theresas Mann Paul, ehemaliger Tennis- und Skichampion, unterrichtet die Gäste im Sommer im Tennis, im Winter im Skilaufen. Sophia und Marie, die Töchter, werden im Service, als Zimmermädchen und wo es sonst gerade Not tut, eingespannt. Sophia soll, wenn es nach Theresa geht, einmal die Leitung der Hotels übernehmen, Marie studiert am Mozarteum, sie wird nur in ihrer Freizeit eingebunden, was zwischen den Schwestern häufiger mal zu Spannungen führt. Theresas Pläne sind jedoch nicht die ihrer Kinder.
Sophia hat überhaupt keine Lust, die Hotels zu übernehmen, sie träumt von einer Zukunft in den USA mit James, einem der amerikanischen Soldaten, die noch in Salzburg stationiert sind, aber sie findet den Mut nicht, offen mit ihren Eltern zu reden, stattdessen geht sie eher unwillig den Aufgaben nach, die die Mutter ihr aufbürdet. Die Hotels sind ausgebucht, die Restaurants immer voll, dennoch werfen sie keinen Gewinn ab, was Theresa und Paul große Sorgen macht. In dieser eh schon angespannten Situation taucht plötzlich Theresas Bruder Benedikt als Spätheimkehrer aus russischer Gefangenschaft in Salzburg auf. Die Familie hatte ihn tot geglaubt, nachdem der Vater eine entsprechende Nachricht bekommen hatte. Was zunächst reine Wiedersehensfreude ist, schlägt rasch um, als Benedikt nach kurzer Zeit seinen Anteil am Erbe einfordert, den Theresa ihm beim besten Willen nicht geben kann und der ihm, rein rechtlich, wohl auch nicht zusteht, da er ja für tot erklärt war. Die Erbauseinandersetzung mit Benedikt belastet Theresa nicht nur geschäftlich, auch das gute Verhältnis zu ihrem Bruder, über dessen Heimkehr sie sich aufrichtig gefreut hat, zerbricht. Benedikt zieht aus der Villa der von Reuschenbergs aus, in der er untergekommen war, um mit der Familie nichts mehr zu tun zu haben. Quasi als Kompromiss überträgt Theresa ihrem Bruder das „vis-à-vis“, eine Bar in der Stadt, die ihr ebenfalls gehört und die junges Publikum anlocken soll, weil dort Musik gespielt wird, die die Amerikaner nach Salzburg gebracht haben. Doch Benedikt schafft es binnen kürzester Zeit, die Bar in den Ruin zu wirtschaften. An diesem erneuten Scheitern zerbricht er. Theresa versucht derweil händeringend, ihre Hotels zu retten und steht in Verhandlungen mit dem so genannten Salzbaron Ernst Reichhardt, der die Hotels gerne erwerben würde. Gemeinsam mit seinem Sohn Kurt verbringt er einige Zeit in Salzburg, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Insgeheim hoffen sowohl er als auch Theresa auf eine mögliche Verbindung zwischen Sophia und Kurt. Was sich zunächst ganz gut anlässt, ist dann aber doch nicht von Erfolg gekrönt. Das Schicksal hat andere Pläne.
Die Figur der Theresa von Reuschenberg orientiert sich an der realen Harriet Gräfin Walderdorff, die den „Goldenen Hirsch“ 1940 kaufte und zum Nobelhotel werden ließ, Schlosshotel Fuschl kam wenig später dazu. Als Hotelière war ihr die Bewahrung alter Werte wichtig, sie kombinierte geschickt Tradition mit Moderne, in der Einrichtung wie auch im Auftreten des Personals oder in der Küche, auch ihr freundschaftlicher Umgang mit dem Personal war bekannt. All diese kleinen Eigenheiten lässt die Autorin in Theresa von Reuschenberg weiterleben und macht den Alltag im Nobelhotel authentisch. Wir erleben Theresa als mutige, starke Frau, die ihre Leidenschaft für ihre beiden Hotels gegen alle Widerstände verteidigt und immer in den Vordergrund stellt. Die Personen des Romans sind liebevoll und authentisch gezeichnet, sehr bildhaft auch der Alltag, den wir mit der Familie und den Mitarbeitern erleben, ebenso wie die Zeit, Mitte der 50er Jahre, als Salzburg so langsam wieder auflebte. Unterhaltsam, stimmungsvoll und atmosphärisch.
Caren Benedikt: Schlosshotel Fuschl
Blanvalet, Juli 2026
416 Seiten, Paperback, 17,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
