Mit Evie und ihrer Enkelin Rainey machen wir hier nicht nur eine Zeitreise, sondern auch eine Reise von den USA nach Irland, wo die inzwischen 93-jährige Evie aufgewachsen ist. Nachdem sie gerade eine schwere Erkrankung überstanden hat, bittet sie ihre Enkelin, mit ihr in ihre frühere Heimat zu reisen. Sie möchte noch einmal in das Dorf ihrer Kindheit, vielleicht das ein oder andere klären und Abschied nehmen. Die Krankheit hat Evie vor Augen geführt, dass ihr vielleicht nicht mehr allzu viel Zeit bleibt, deshalb drängt sie auf eine schnelle Abreise. Rainey, die zwar gerade ein ziemlich großes Problem mit ihrer Firma hat, das sie unbedingt lösen muss, kann ihrer Großmutter diesen innigen Wunsch nicht abschlagen und bucht die Flüge.
Evies ehemaliges Elternhaus ist inzwischen ein liebevoll geführtes Bed & Breakfast, in dem sie von der Wirtin herzlich aufgenommen werden. Viele der älteren Dorfbewohner, die sich noch an Evie und ihre Familie erinnern können, begegnen den beiden allerdings eher ablehnend und misstrauisch. Warum das so ist und warum Evie bisher so wenig von ihrer Jugend erzählt hat, hofft Rainey während der Tage in Aisling herauszufinden. Evie lebt merklich auf, seit sie wieder „zuhause“ ist, aber sie ist noch immer sehr verschwiegen. Erst ein Bündel alter Briefe, die der Hauptgrund waren, warum sie diese beschwerliche Reise in ihrem Alter unbedingt machen wollte, bringt sie dazu, Rainey von früher zu erzählen. Gespräche im Pub oder mit Grady, dem Bruder der Pensionswirtin, tragen weitere Puzzleteile bei.
Nach und nach ergibt sich ein Bild von Evies Familie, die sehr privilegiert gelebt haben muss, von einer engen Freundschaft und einigen dunklen Geheimnissen, die jetzt ans Licht kommen.
Erzählt wird in zwei Zeitebenen, einmal in der Gegenwart, zum anderen in der Zeit von Evies Kindheit und Jugend in Irland gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Die handelnden Personen sind sehr authentisch gezeichnet, sympathisch und lebendig. Man bekommt einen guten Einblick in die Zeit des sogenannten Notstands in Irland, in die Evies Jugend fällt. Gut geschrieben, manchmal fehlt ein bisschen Tiefe, aber insgesamt liest sich dieser Roman flüssig spannend.
Cynthia Ellingsen: Das Haus der Erinnerung
Aus dem Amerikanischen von Anja Mehrmann
Piper, April 2026
432 Seiten, Paperback, 16,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
