Claudia Rikl: Elbland

Nina hat ein verdammt großes Päckchen zu tragen. Das ist ihr zwar schon lange bewusst, aber erst nach dem Tod ihrer Mutter, um die sie sich aufopferungsvoll gekümmert hat, ohne Unterstützung durch ihre Schwester Katja, wird ihr bewusst, wie viel es da aufzuarbeiten gibt, über das Irma, ihre Mutter, immer geschwiegen hat. Ninas Verhältnis zu ihrer Mutter war zwar nicht unbedingt von Herzlichkeit und Vertrauen geprägt, dennoch fällt sie in ein tiefes Loch, als Irma stirbt. Ihre Mutter litt schon lange unter Depressionen, wohl schon, als die Kinder noch Kinder waren und die Familie eine Familie. Nina erinnert sich gut an die „schlechten Tage“. Jetzt, nach Irmas Tod, fragt Nina sich, was ihre Mutter wohl so beschäftigt hat, dass sie in eine schwere Depression verfallen ist. Sie fragt sich aber auch, warum sie selbst so ist, wie sie ist. Nina kann keine Nähe zulassen, kommt in ihrem Leben nicht wirklich zurecht, obwohl sie sich durchgesetzt hat und gegen den Willen der Mutter Schauspielerin geworden ist, statt Medizin zu studieren, was ihr damals durchaus möglich gewesen wäre.

Erzählt wird überwiegend in Rückblenden, in drei Zeitebenen. Einmal die Zeit jetzt, nach dem Tod der Mutter, dann erfahren wir von Irmas Kindheit am Ende des Zweiten Weltkrieges, eine wichtige Bedeutung hat aber auch das Jahr 1987 für Ninas Familie. Der letzte Urlaub als Familie in der DDR. Damals waren sie nach Böhmen gereist, die Heimat der Mutter. Nach diesem Urlaub ist alles verändert, die Familie zerbricht. Erst im Laufe der Erzählung, zwischen den Zeilen, wird klar, was damals passiert ist.
Nina hat das unbedingte Bedürfnis, die Vergangenheit aufzuarbeiten, zu erfahren, woher ihre Mutter stammt, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat und was passiert ist, das ihre Mutter hat stumm werden lassen.

Nina reist nach Böhmen, nach Arnau, dem heutigen Hostinné, im böhmischen Riesengebirge. Ende des Zweiten Weltkrieges waren die deutschsprachigen Einwohner des Gebiets, die Sudetendeutschen brutal vertrieben oder sogar getötet worden. In Archiven findet sie Hinweise auf die Familie ihrer Mutter, die damals einflussreich und vermögend gewesen ist. Es gelingt ihr, das Schicksal ihrer Großeltern und anderer Verwandten nachzuvollziehen und so zu erfahren, was ihre Mutter in ihrer Kindheit erleben musste, das sie so nachhaltig beeinflusst hat, das auch ihre Kinder beeinflusst hat.

Diese Reise, während der man auch viel über Nina selbst erfährt, über ihr Leben nach 1987, jetzt als Schauspielerin mit Erfolg aber ohne Erfüllung, verändert Ninas Leben. Die Erfahrungen, die sie macht, die Dinge, die sie aufdeckt, machen es ihr möglich, sich mit ihrer Schwester, die nach 1987 ihr eigenes Leben gelebt hat, auszusöhnen und auch den Vater zu verstehen, der bald nach diesem gemeinsamen Urlaub, die Familie verlassen und längst eine neue gegründet hat.
Nina erfährt, wie sehr unausgesprochene Wahrheiten das Leben beeinflussen können, wie sehr Schweigen eine Familie belasten kann. Nina bringt den Mut auf, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, zu verstehen und vielleicht auch verzeihen zu können.

Ein sehr eindringlicher, eindrucksvoller, bewegender, leiser Roman. Die Figuren sind authentisch, die Geschichte teilweise autobiografisch und schon deshalb berührend. „Elbland“ ist kein Roman, der einen sofort in seinen Bann zieht, erst nach und nach wird man gefesselt, entstehen Bilder im Kopf, die vielleicht im Roman nur „zwischen den Zeilen“ gemalt werden.
Eine sehr persönliche Familiengeschichte, die nachhallt und einen beschäftigt.

Claudia Rikl: Elbland
Ullstein, März 2026
368 Seiten, Hardcover, 23,99 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: