In seinem Heimatland Schweden wird Alex Schulmans Roman „Jetzt beginnt das Leben“ als Bestseller Nr. 1 gehandelt.
Die Handlung entspringt einem nicht aufgearbeiteten Kindheitstrauma des Protagonisten Vidar. Der Autor arbeitet dabei mit einem raffinierten Kunstgriff, indem er autofiktionale mit fantastischen Elementen verwebt.
Vidar ist Lehrer. Als er einen Streit zwischen zwei Schülern schlichten will, eskaliert die Situation und Vidar wird vom Schuldienst suspendiert, weil Videoaufnahmen beweisen, dass er Gewalt gegenüber einem der Jungen ausgeübt hat. Auslöser für Vidars groben Übergriff war – so glaubt er später – eine Äußerung, die der Junge an ihn richtete. Jedoch kann er sich weder sein rabiates Einschreiten erklären, noch sich an die Worte des Jungen erinnern.
Durch die berufliche Krise beschäftigt sich Vidar mit seiner Kindheit, die er im Sommerhaus seiner Familie verbracht hat. Er muss unbedingt wissen, was damals dort passiert ist, denn das Gesagte aus dem Mund des Schülers hängt damit zusammen, weiß er.
Als Vidar in alten Unterlagen die ehemalige Telefonnummer des Sommerhauses findet und er einem Impuls folgend dort anruft, kann er die Erinnerungsblockade durchbrechen. Mit vielen weiteren Telefonanrufen lässt der Autor Vidar nach und nach ganze Szenen, die wie von selbst aufploppen, von damals wiedererleben. Durch die imaginären Verbindungen, die er am Telefon zu seinen Eltern, seiner Schwester und seinem kindlichen Ich herstellt, tastet er sich immer näher an das Geschehnis von damals heran, das sich auf einen einzigen Tag konzentriert.
Vidar kann bald an nichts anderes mehr denken als an die Vergangenheit. Zunehmend entwickelt er eine wahnhafte Eigendynamik. So gestaltet er an einer Wand in seiner Wohnung eine Zeitachse, auf der er unzählige Notizzettel mit Erinnerungen drapiert. Während er tiefer in sein Aufwachsen in der Familie vordringt, verstrickt er sich in der Realität grenzüberschreitend in immer weitere folgenschwere Konflikte.
Alex Schulman versteht es, seine LeserInnen mit unheilvollen Vorahnungen in Bann zu halten. Er vergegenwärtigt in diesem Buch, wie einschneidende Kindheitstraumata noch viele Jahre später aufbrechen und belasten.
Der Spannungsbogen reißt nicht ab in dieser beklemmenden, melancholischen Atmosphäre.
Für LeserInnen, die Romane mit psychologischem Tiefgang bevorzugen.
Alex Schulman: Jetzt beginnt das Leben.
Übersetzung aus dem Schwedischen: Hanna Granz.
dtv, August 2026.
352 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
