Annette Mingels: Evas Tochter

Eines Tages steht ein Zelt auf dem Fußweg, direkt vor dem schicksten Grundstück der Straße, der Villa der Familie von Clüver. Es wird beobachtet, es wird getuschelt, und schon bald wissen alle, wer dort das Lager aufgeschlagen hat: Sophie, die unangepasste Tochter der von Clüvers, seit Jahren verschwunden und seit jeher als schwierig bekannt. Ist es ein beabsichtigter Affront gegenüber den Eltern oder Heimweh, das die junge Frau zur Rückkehr bewogen hat?

Auf der Suche nach einem eigenen Platz in der Welt

Die Bewohnerinnen der Straße begegnen Sophie auf unterschiedliche Weise – neugierig, mitfühlend oder abweisend. Sie kommen ins Grübeln über ihr eigenes Leben und so manche fragt sich, ob der Weg, den sie gerade geht, wirklich der richtige für sie ist oder ob es an der Zeit wäre, mutiger, aufrichtiger, unbequemer zu werden.

„Und dass sie wirklich geglaubt hatte, sie könnte alles auf einmal haben: die Kinder, die Kunst, vielleicht sogar Erfolg. Dass sie es, wenn sie ehrlich war, immer noch glaubte. Als wäre sie naiv. Oder ein Mann.“

Neben Sophie geht es um Greta, die erst spät merkt, dass sie durch die Mutterschaft mehr vereinnahmt wurde, als sie geplant und geahnt hatte, und um Hjördis, die sich zwar ihre Unabhängigkeit nach außen hin bewahrt zu haben scheint, aber mit Einsamkeit und einer Zwangsstörung kämpft. Wir begegnen Wanda, die ihr Ziel, endlich schlank und erfolgreich zu sein, auch ihrem Partner aufdrängt und dadurch die emotionale Nähe in der Beziehung aufs Spiel setzt, sowie der neben der Schule heimlich als Camgirl arbeitenden Lilli, die sich über ihre eigene Sexualität im Unklaren ist. Zwei Nachbarinnen sind im fortgeschrittenen Alter auf Sinnsuche, nachdem sie ihr bisheriges Leben anderen gewidmet haben: Hanne ihrer Arbeit als Säuglingskrankenschwester und Judith als Pfarrersfrau der Unterstützung ihres Mannes. Und schließlich ist da noch Eva, Sophies Mutter, die sich in teure Reisen flüchtet, um sich der Realität ihrer zerrütteten Familie nicht stellen zu müssen.

Generationsübergreifender Mangel an Anerkennung

In dem vergleichsweise kurzen Roman ist den Protagonistinnen jeweils ein Kapitel gewidmet. Die Lesenden lernen sie kennen zu dem Zeitpunkt, als Sophie vor dem Haus ihrer Eltern zeltet. Wir erfahren ihre Lebensgeschichten und lesen von den Umständen, Fragen und Zweifeln, die sie gerade beschäftigen. Beim Lesen wäre ich bei den einzelnen Geschichten gerne länger verweilt. Das ist allerdings keine Kritik, sondern ein Kompliment an Annette Mingels, die mit Evas Tochter ein sehr dichtes Werk geschaffen hat, mit einer großen Nahbarkeit der Charaktere.
Nicht nur sind die Einzelschicksale interessant, die Leben der neun Frauen sind miteinander verwoben, teils durch Familienbande oder Freundschaften, teils ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Zwischen ihnen gibt es Sympathien und Abneigungen. Gegenseitiges Verständnis und Neid bestehen nebeneinander. Am Ende gibt es keine tränenreiche Vereinigung etwa von Mutter und Tochter, aber es geschehen erste kleine Annäherungen und viele der Frauen erreichen eine Art von Aussöhnung mit ihrer Vergangenheit und einen offenen Blick nach vorn.
Evas Tochter ist schnell gelesen und bietet danach noch lange Stoff zum Nachdenken und Nachfühlen. Mir haben besonders die Einsichten in die vielschichtigen Innenwelten der Figuren und die impliziten Dynamiken zwischen ihnen gefallen.

Annette Mingels: Evas Tochter
Penguin Verlag, August 2026
236 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Sabrina Rüdebusch.

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