
Juno ist Ende 30 als sie beschließt, nach Griechenland zu reisen, um endlich ihren Vater kennenzulernen oder zumindest mehr über ihn zu erfahren. Ihre Mutter hat ihr nicht viel erzählt. Juno weiß nur, dass Estelle, ihre Mutter 1984 und 1985 einige Zeit auf der (fiktiven) griechischen Insel Inios verbracht hat, sich dort in einen jungen Griechen namens Niko verliebt hat, der offenbar ihr Vater ist. Details hat Estelle, die heute in Portugal lebt, nicht erzählt. Überhaupt hat sie wenig über ihre Zeit auf der Insel, über ihre Liebe zu Niko und warum sie nicht zusammen geblieben sind, gesprochen. Juno reist mit ein paar Koffern und einigen Briefen, die Estelle damals an ihre Eltern geschrieben hatte, auf diese traumhaft schöne Insel und hofft, Antworten zu finden auf Fragen, die sie sich seit Jahren stellt. Sie kennt den Namen der Familie, die auch heute noch sehr einflussreich ist auf der Insel, die ein schickes Hotel besitzt und anscheinend eine Menge Geheimnisse hat. Juno schafft es, im Hotel der Zimiris einen Job als Hochzeitsplanerin zu bekommen, obwohl sie von dem Metier eigentlich überhaupt keine Ahnung hat. So hat sie die Chance, ihre Verwandtschaft ein bisschen näher kennenzulernen, ohne ihnen gleich zu sagen, wer sie ist und was sie sucht.
Sie teilt sich eine winzig kleine Wohnung mit einer Kollegin, die ihr das ein oder andere über die Familie berichtet, aber auch nicht wirklich viel weiß, Fragen werden nicht gerne gesehen. Juno glaubt sich ihrem Ziel, mehr über ihren Vater zu erfahren, recht nahe, muss aber feststellen, dass sie überall auf Mauern stößt, wenn sie versucht, nach Niko zu fragen. Anhand der Briefe ihrer Mutter von 1985 kann sie deren Aufenthalt ein Stück weit nachvollziehen, trifft sogar auf einen inzwischen älteren Herrn, der schon damals auf Inios gelebt und eine Bar betrieben hat. Ihre Mutter hat ihn mehrfach erwähnt, seine Bar war damals ein Treffpunkt der jungen Leute auf der Insel. Aber auch von Kev erfährt sie nichts. Im Gegenteil, er warnt Juno, auf der Insel zu bleiben und Nachforschungen anzustellen. Genau wie ihre Mutter. Aber keiner sagt ihr, warum das gefährlich sein sollte. Das muss Juno dann am eigenen Leib erfahren.
Erzählt wird einmal aus der Perspektive von Juno, dann anhand der Briefe, die Juno in die Vergangenheit führen und aus Estelles Perspektive 1984 und 1985, als sie auf Inios gewesen ist. Nach und nach entfaltet sich eine spannende Geschichte, die für Juno überaus gefährlich wird. Estelles Geschichte ist mehr als eine kleine Liebesgeschichte, mehr als ein Urlaubsflirt. Sie erzählt uns eine ganze Menge über die unterschiedlichen Mentalitäten und die griechischen Sitten und Gebräuche damals. Ein junger Grieche aus angesehenem Hause darf zwar Touristinnen gerne umwerben, mit ihnen flirten oder auch mehr, so lange es beim Urlaub bleibt. Eine tiefergehende Beziehung kommt nicht in Frage! Das muss Estelle schmerzlich erfahren, als sie ein zweites Mal nach Inios kommt. Familie geht über alles, und wozu Familie fähig ist, kann man sich kaum vorstellen.
Als „Thriller“ würde ich „Die Touristin“ nicht unbedingt bezeichnen, eher als spannenden, dramatischen Familienroman, der einen aber durchaus in seinen Bann zieht. Schon gleich zu Beginn hat man das Gefühl, dass da mehr ist als nur die Suche nach dem unbekannten Vater.
Trotz der dramatischen Entwicklung, die Junos Reise in die Vergangenheit nimmt, fühlt man sich absolut in Urlaubsstimmung versetzt, so plastisch und anschaulich wird die Insel mit ihren weißen Häusern unter strahlend blauem Himmel, weißem Sand, umgeben von blauem Meer geschildert.
Jess Ryder: Die Touristin
Aus dem Englischen von Melike Karamustafa
Aufbau Taschenbuch, April 2026
411 Seiten, Paperback, 15,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.