Tony Tulathimutte: Fiasko

Der Originaltitel dieser Kurzgeschichtensammlung lautet: Rejection – Ablehnung, Zurückweisung. Und genau darum geht es in den Texten. Um einsame, verzweifelt nach Nähe, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe suchende 20–30-Jährige. Doch alle Versuche enden in einem Fiasko (insofern ist auch der deutsche Titel treffend gewählt).

Mit der einleitenden Geschichte, Der Feminist, machte Tulathimutte bereits 2019 auf sich aufmerksam. Zu Recht, denn sie ist, was Aufbau, Stil und Charakterisierung angeht, die eindeutig überzeugendste. Erzählt wird die Entwicklung eines jungen Mannes zum Incel, zum radikalen Frauenhasser. Sein Feminismus, geboren aus der Hoffnung auf Zuneigung und Sex, bleibt erfolglos. Als Gesprächspartner akzeptiert, als Lover abgelehnt, radikalisiert er sich im Internet.

Der Rest des Buches kann die geweckten Erwartungen nicht erfüllen. Es geht z. B. um eine Frau, die selbstzerstörerisch an einer Affäre festhält, um die Oberflächlichkeit und Verlogenheit von Chat-Rooms, um das erfolglose Coming-out eines Homosexuellen, der vergeblich versucht, seine sadistischen Triebe auszuleben, und stattdessen mit brutaler Masturbation seinen Penis ramponiert, und um einen hyperaktiven Life-Goal-Fanatiker und Kontroll-Freak.

Nicht nur für diesen Text, der zu 90 % aus aktuellem Szeneslang besteht und so die Oberflächlichkeit und die letztlich echte Gefühle ersetzende Phrasendrescherei karikiert (wohl die schwierigste Aufgabe für die ÜbersetzerInnen), benötigt jeder außerhalb des eingeweihten Zirkels eigentlich ein Glossar. Menschen, die sich nicht in Twitter-Kürzeln, Emojis und Emoticons unterhalten oder denen all die Abkürzungen für sexuelle Spielarten nicht geläufig sind, werden in den Geschichten manches nicht verstehen. Was aber letztlich auch nicht nötig ist, da es meist Details betrifft. Der Gesamttenor ist in seiner Überzeichnung auch so klar.

Zum Schluss sinniert der Autor in einem Meta-Text (einem fiktiven Ablehnungsschreiben) über sein eigenes Werk und die Frage, ob er in seinen Geschichten seine eigene Unsicherheit, seine eigenen seelischen Schäden verarbeitet. Sollte das so sein, dann muss man sich echte Sorgen um den Autor machen, denn alle, Haupt- wie Nebenfiguren, sind schwer geschädigte, mit Komplexen, Kleinheitsgefühlen und ungestillter Sehnsucht geschlagene, verlorene Existenzen.

Tulathimutte wird in den USA gefeiert als neuer Stern am literarischen Himmel und Rejection erfährt höchste Lobpreisungen. Ein Urteil, dem ich mich nicht anschließen kann. Rein sprachlich gibt es nichts auszusetzen, im Gegenteil, in dieser Hinsicht können die Geschichten überzeugen. Es liegt auch nicht an den Themen: die Suche nach der eigenen sexuellen Identität, Vereinsamung, gestanzte Sprache, die mehr verbirgt als erklärt. Es sind die Umsetzung und die Plot-Struktur, die das Lesevergnügen erheblich mindern.

Wer erwartet, Tulathimutte würde seine Figuren einfühlsam, gar mitfühlend beschreiben und dem Leser nahebringen, wird feststellen: Er hat keinerlei Mitleid mit ihnen. Gnadenlos seziert er ihre Unzulänglichkeiten. Ursachen werden allenfalls angedeutet, nicht analysiert. Stattdessen gibt er ihre Schwächen mit teilweise extremer satirischer, auch zynischer Überzeichnung der Lächerlichkeit preis.

Und das in bisweilen überflüssiger Ausführlichkeit. Manche Geschichte hätte problemlos deutlich kürzer sein können, ohne dass Inhalt und Botschaft darunter gelitten hätten. Das permanente Schwelgen in kaputten Psychen, grotesker Sexualität oder einer seitenlangen, Marvel-Comic-artigen Masturbationsfantasie wäre dann auch weniger ermüdend gewesen.

Manche amerikanischen Kritiker bezeichnen Tulathimutte als Schriftsteller seiner Generation und sehen in diesem Buch ein Dokument der psycho-sozialen Verfassung der Millennials, einer verwirrten Generation auf der Suche nach Sinnstiftung und Identität. Ich hoffe, da liegen sie falsch, denn wenn Tulathimuttes Figuren repräsentativ wären, dann würde es sich um eine zutiefst desolate Generation handeln, um wehleidige, lebens- und beziehungsunfähige Egozentriker, die einem Angst vor der Zukunft dieses Landes machen.

Andererseits, wenn man sich ansieht, was in den USA mittlerweile los ist, könnte Tulathimutte gar nicht so falsch liegen.

Tony Tulathimutte: Fiasko.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr.
dtv, August 2026.
384 Seiten, Hardcover, 26,00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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