25 Jahre ist es her, dass Sven Regener mit „Herr Lehmann“ einen der eigensinnigsten Helden der jüngeren deutschen Literatur erfand. In „Frankie und Freddie“, dem inzwischen sechsten Roman aus diesem Kosmos, schickt er Frank Lehmann erneut durch West-Berlin – diesmal an der Seite seines Bruders Freddie und mitten hinein in einen eisigen Tag kurz vor Weihnachten 1980.
Der Ausgangspunkt ist denkbar schlicht: Freddie, gerade aus einer Klinik entlassen, in der er als Proband ein neues Medikament getestet hat, hat eine Tasche verloren. Darin stecken wichtige Reisedokumente, die er für seinen geplanten Trip nach New York braucht. Also ziehen die Brüder durch Schnee und Kälte, von einem Ort zum nächsten, immer in der Hoffnung, der Tasche näherzukommen.
Natürlich wäre es kein Lehmann-Roman, wenn dieser Weg geradlinig verliefe. Regener bevölkert die Geschichte wieder mit Figuren, die schon durch ihre Namen oder Auftritte im Gedächtnis bleiben: Da ist der kunstbesessene Artsy Farty, da ist Olli, der in einem selbstgenähten Shell-Overall an einer Aral-Tankstelle aushilft, und da ist Chrissie, vergrippt, resolut und für Frank von besonderem Interesse. So bekommt neben Freundschaft, Großstadtalltag und absurden Begegnungen auch die Liebe ihren Platz.
Vor allem aber wird geredet. Viel geredet. Regeners Figuren reden aneinander vorbei, springen von einem Gedanken zum nächsten, wiederholen sich, widersprechen sich und verlieren dabei nicht selten aus den Augen, worum es eigentlich ging. Genau darin liegt der berühmte Regener-Sound: in diesem scheinbar beiläufigen, manchmal herrlich schrägen Geplapper, das den Figuren eine eigene Wirklichkeit gibt. Wer „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und die anderen Romane mochte, wird sich auch hier schnell zu Hause fühlen.
Doch genau diese Stärke kann zur Schwäche werden. Denn die Dialoge drehen sich bisweilen so hartnäckig im Kreis, dass die Handlung kaum vom Fleck kommt. Kaum scheint ein Ziel in Sicht, taucht das nächste Hindernis auf. Das erinnert mitunter an eine alte „Pettersson und Findus“-Geschichte, in der immer wieder etwas dazwischenkommt, bevor das Eigentliche erledigt werden kann. Was sympathisch chaotisch wirken soll, strapaziert stellenweise die Geduld.
Dass Regener im Grunde immer wieder dieselbe Geschichte erzählt, ist ein Vorwurf, den man nicht ganz von der Hand weisen kann. Auch „Frankie und Freddie“ lebt weniger von Überraschungen als von vertrauten Figuren, vertrauten Umwegen und einem vertrauten Ton. Wer das als Wiederholung empfindet, wird hier wenig Neues entdecken. Wer darin jedoch das Vergnügen erkennt, für einige Stunden wieder in diesen eigenwilligen West-Berliner Kosmos einzutauchen, bekommt genau das, was er erwartet.
„Frankie und Freddie“ ist deshalb kein Roman, der neue Leser unbedingt bekehren wird. Für Fans aber ist er ein Wiedersehen mit alten Bekannten – chaotisch, wortreich, manchmal anstrengend und gerade deshalb sehr Regener.
Sven Regener: Frankie und Freddie
Galiani, September 2026
288 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
