Ally Bright, Anfang 60, lebt zurückgezogen im fiktiven Örtchen Porthpella in Cornwall. Doch dann reißen sie dramatische Ereignisse aus dem Schneckenhaus, in das sie sich nicht erst seit dem Tod ihres Mannes, eines ehemaligen Polizisten, zurückgezogen hat.
Eines Abends steht ein verzweifelter junger Mann vor ihrer Tür, auf der Suche nach Hilfe. Alles, was sie seinen verworrenen Worten entnehmen kann, ist, dass er ihren verstorbenen Mann kannte. Am nächsten Tag wird er schwer verletzt am Fuße der Klippen gefunden. Die Polizei hakt den Fall bereits als Selbstmordversuch ab, obwohl Pascoe noch im Koma liegt.
Ally hat ein schlechtes Gewissen, da sie dem Mann nicht hat helfen können, und geht der Sache nach. Als sie mehr über die Hintergründe erfährt, zweifelt sie an der Selbstmordtheorie. Der Tote, Lewis Pascoe, kam gerade aus dem Gefängnis frei und wollte zu seiner Großmutter, doch die ist mittlerweile gestorben, und ihr altes Küstenhaus wurde abgerissen. Stattdessen stand er vor einem protzigen Neubau und einem ebensolchen, aggressiven Besitzer. Dessen Ehefrau am selben Tag spurlos verschwindet!
Hängen die Fälle zusammen? Hat Pascoe sie umgebracht und wollte sich anschließend selbst töten?
Ally ist nicht die Einzige, die daran zweifelt. Sie findet einen Verbündeten in Jaden Weston, der Pascoe gefunden hat. Er ist erst kürzlich nach Porthpella gezogen. Nachdem sein Kollege und Freund bei einem Einsatz starb, sah er sich nicht mehr in der Lage, Streifenpolizist zu sein, und kündigte. Aber sein kriminalistischer Spürsinn ist noch höchst lebendig.
Ally und Jaden, die »Shell House Detektive«, wie sie sich scherzhaft nennen, ermitteln auf eigene Faust, auch, weil die Polizeibehörden wenig Aktivität entwickeln, und kommen der Wahrheit allmählich immer näher.
Aus diesem Plot entwickelt Emylia Hall einen unterhaltsamen und durchaus spannenden Kriminalroman mit Lokalkolorit (Cornwall erfreut sich ja generell einer großen Beliebtheit als Setting) und einigen Wendungen, vor allem aber mit bis in die Nebenfiguren fein gezeichneten Charakteren, liebenswert die einen, widerwärtig, und deshalb natürlich höchst verdächtig, zwei andere. Aber sie lässt sich Zeit für die Entwicklung der Geschichte zugunsten der Schilderungen des Meeres und der Dünen, des Dorflebens und der Hintergründe der Figuren. (Insofern könnte man das Buch in die Rubrik cosy crime einordnen.)
Einerseits setzt Hall auf Standardelemente: einen (zunächst) desinteressierten Dorfpolizisten, einen den Amateuren gegenüber überheblichen Chefinspektor und unerfahrene, aber empathische, intuitive und einfallsreiche Amateure, die den Kriminalen einen Schritt voraus sind.
Auf der anderen Seite sind insbesondere die Sympathieträger lebensnahe, überzeugende Charaktere, über die Hall Themen wie Trauer, Verlust, Freundschaft, Egozentrismus und Gier in die Erzählung einflicht.
Der erste Band der Shell House Detectives ist ein entspanntes Lesevergnügen und macht definitiv Lust auf mehr. Mal sehen, ob der Verlag noch weitere Übersetzungen der 7-bändigen Reihe folgen lässt.
Emylia Hall: The Shell House Detectives: Der Fremde am Strand.
Aus dem Englischen übersetzt von Sylvia Spatz.
dtv, Juli 2026.
400 Seiten, Taschenbuch, 17,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
