Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen.

Die Absurditäten der Moderne in tiefsinnigem Humor verpackt – Maxim Leo ist ein Autor, dem diese Kombination bestens glückt. In seinem neusten Roman müssen erfolgreiche Menschen feststellen, dass sie nicht glücklich sind. Erfolg ist eben nicht alles, manchmal sogar das Gegenteil von Erfüllung. Doch die Erkenntnis, worauf es im Leben wirklich ankommt, lässt sich nicht so stringent wie ihre Karrieren erarbeiten. Diese Aha-Momente lauern in ungewöhnlichen Begegnungen, welche gefährliche Waldspaziergänge, jugendliche Klimaaktivisten oder außer Rand und Band geratene Tierrudel beinhalten. Ein köstlicher Roman, der aufzeigt, dass Selbstoptimierung ein Geschäftsmodell ist, welches das Leben komplizierter statt einfacher macht.

Achtsamkeitsseminar wider Willen
Spitzenmanagerin Marlene steht mit 39 Jahren kurz davor, als Unternehmensnachfolgerin zur neuen CEO ihrer Firma aufzusteigen. Fachlich genießt sie eine einwandfreie Reputation, sie beschert der Firma riesige Gewinne und steht ihr an 365 Tagen zur Verfügung. „Marlene hatte die Grundidee von Urlaub nie verstanden dass man da extra irgendwo hinfährt, um gar nichts zu tun.“ (S. 6). Dumm nur, dass Marlene zu einem zweiwöchigen „Zwangsurlaub“ beziehungsweise Achtsamkeitsseminar in einem brandenburgischen Schloss verdonnert wurde. So gut Marlene mit Zahlen umgehen kann, so schlecht kann sie es mit Menschen. Kollegen und Kolleginnen bezeichnen sie als kaltherzig, unempathisch und jemanden, der nur Druck aufbaut. Folge: Marlene muss sich menschlich bei dem berühmten Mental Coach Alex Growe weiterentwickeln, wenn sie den Job als CEO bekommen will.

Therapeuten in Sinnkrisen
Auch in Alex Grows Schlösschen ist nicht alles Gold, was glänzt. Er steht kurz vor der Insolvenz, hat Bindungsprobleme und fragt sich, wie er andere Achtsamkeit lehren soll, wenn er sich doch selbst täglich mit seinem Business aufreibt. Als Marlene eintrifft, triggern beide gegenseitig ihre größten Schwachpunkte. Alex ist mit der forschen und skeptischen Marlene überfordert, die Fragen stellt, von deren Antwort er selbst nicht mehr ganz überzeugt ist. Wobei Marlene wiederum getriggert wird durch Familienaufstellungen, Atemtechniken und die simple Einordnung ihrer Bedürfnisse. Am Ende wachsen die beiden aneinander – und über sich selbst hinaus. Denn auch im Umfeld der Academy ist einiges geboten. Klimaaktivisten ketten sich an Bäume, um die Abholzung eines Forsts zu verhindern. Wildschweine laufen im Meditationsgarten Sturm. Die Polizei durchsucht das Gebäude, der CEO von Marlene macht Druck und Alex‘ heimliche Geliebte stellt ein Ultimatum.  Dazwischen jede Menge skurriler Gestalten, von Therapeuten bis zu den optimierungsbedürftigen Gästen. Dann ist da noch der schüchterne Mattissen, der seinen IT-Job aufgegeben hat, um an der Academy als Hausmeister zu arbeiten. Er bringt ganz neue, sensible Seiten in Marlene zum Klingen. „Im Grunde genommen, dachte sie, war Mattissen viel mutiger als sie, weil er entschieden hatte, sich selbst wichtig zu nehmen, auch wenn er dadurch in den Augen der anderen unwichtiger geworden war.“ (S. 134/135).

Witzig & weise: Selbstoptimierung ist nicht Selbsterfüllung
All das serviert uns der in Ost-Berlin geborene Autor Maxim Leo in einer Mischung aus Aberwitz, Melancholie und Tiefgang. Er wechselt mühelos von pointierten Spitzen zu gefühlsmäßigen Tiefgängen wie über Generationen vererbte Traumata. Städter, die vor dem Wald Angst haben, verkörpern Menschen, die keinen Zugang mehr zur (eigenen) Natur mehr haben. Der vielfach ausgezeichnete Autor bringt Zeitgeistthemen belletristisch auf den Punkt. In „Wir werden jung sein“, ist es der Traum von ewiger Jugend, Schönheit und Unvergänglichkeit. In „Einatmen. Ausatmen.“ geht es um die allseits präsente Selbstoptimierung, die uns von Gesellschaft und Social Media eingetrichtert wird. Doch manchmal ist weniger eben mehr. Ein kluger, gewitzter Roman, der sich nicht scheut, bisweilen ins Absurde abzudriften. Und gerade deshalb so viel Vergnügen bereitet.

Maxim Leo: Einatmen Ausatmen
Kiepenheuer & Witsch, März 2026
256 Seiten, gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.

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