Geschichte gut verpackt in eine fesselnde Geschichte. Das kennen wir zwar vom Autorenpaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath, alias Iny Lorentz, aber meistens spielen ihre historischen Romane ja im frühen Mittelalter. Das ist diesmal nicht der Fall. „Helena“ geht „nur“ 200 Jahre zurück, ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Freiheitskämpfe und -kriege in Griechenland, die zunächst recht aussichtslos, mit der späteren Unterstützung anderer Völker dann aber doch zur Unabhängigkeit von den Türken führten. Allerdings duldeten weder Russland noch England oder Österreich eine freie Republik Griechenland, weshalb Otto von Bayern, der Sohn Ludwigs I., zum König von Griechenland bestimmt wurde.
In diesem hervorragend recherchierten und gekonnt umgesetzten Roman liegt ein besonderes Augenmerk auf den Frauen, die an den Kämpfen um die Freiheit einen nicht geringen Anteil hatten. Die berühmteste war Laskarina Bouboulina, die die meisten Schlachten auf See für die Griechen gewann und später vom russischen Zaren posthum zum Admiral der russischen Flotte ernannt wurde. Ebenfalls eine wesentliche Rolle spielten die Suliotinnen und die Frauen von Mani, die hier im Roman besondere Bedeutung haben; von ihnen hieß es, dass sie ebenso gut schießen konnten wie die Männer. Sie durften zwar alle mitkämpfen und ihr Leben riskieren, bei der Gestaltung des neuen Staates spielten sie jedoch keine Rolle mehr.
Die Frauen von Mani, die Todesschwestern, stehen hier im Fokus. Ihre Anführerin, Theodosia, ist die Mutter der jungen Deutschen, die nach einer äußerst beschwerlichen und ebenso gefährlichen Reise zu ihnen stößt, zuletzt unterstützt von Laskarina Bouboulina, ohne die sie die Überfahrt nach Mani nicht hätte bewerkstelligen können. Helena wächst als Tochter eines sehr strengen, angesehenen Professors im Badischen auf, genießt eine hervorragende Bildung und Erziehung, wird aber in dem Glauben gelassen, ihre Mutter sei bei ihrer Geburt gestorben. Dass das nicht der Wahrheit entspricht, erfährt Lene nach einem monatelangen Stubenarrest, den der gestrenge und unerbittliche Vater nach einem heftigen Streit angeordnet hatte. Einzig die langjährige Köchin, die Lene schon von Geburt an kennt, hat Mitleid mit ihr und lässt sich erweichen, ihr die Wahrheit über das Schicksal ihrer Mutter zu erzählen.
Das veranlasst Lene, von zu Hause zu fliehen und als Mann verkleidet nach Griechenland aufzubrechen, um ihre Mutter zu finden. Sie hat das Glück, mit einer Gruppe junger Männer reisen zu können, die in Griechenland kämpfen wollen. Gemeinsam sind sie monatelang unterwegs, Lene immer in der Angst, als Frau enttarnt zu werden. Schließlich erreichen sie ihr Ziel und auf Umwegen gelangt Lene zu den „Amazonen“ ihrer Mutter.
Ein gut und flüssig geschriebener Roman über eine Epoche, die vielen vielleicht nur am Rande bekannt ist und dem es gelingt, die Fakten der Geschichte spannend in die Fiktion des Romans einzupassen.
Iny Lorentz: Helena: Das Schicksal der Todesschwestern
Heyne, Februar 2026
560 Seiten, Hardcover, 22,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
