Harlan Ellison (Hrsg.): Gefährliche Visionen: Phantastische Erzählungen

Wir schrieben das Jahr 1967, als in den USA ein Buch erschien, das erstmals Science-Fiction-Geschichten enthielt, die ausschließlich für eben diese Anthologie verfasst worden waren. Bis dato wurden Erzählungen zunächst in Magazinen publiziert; die „Zweitauswertung“ erfolgte anschließend durch die Aufnahme in Anthologien.

Nun also ging der frühere Edel-Fan und spätere Autor Harlan Ellison einen anderen Weg.

Sein Ziel war schlicht und einfach, die besten zeitgenössischen Autoren dazu zu animieren, ihm eine neue, zeitgemäße Story zur Verfügung zu stellen – und dazu noch ein kurzes Nachwort zu verfassen.

Die Vorgabe war klar – etwas Neues, etwas Tiefgründiges, etwas die Grenzen Sprengendes zu schreiben – eine Vorgabe, die die Verfasser nach Kräften zu erfüllen suchten.

Heraus kamen 32 Beiträge, die damals wegweisend waren. Zweiunddreißig Geschichten, die aktuelle Entwicklungen innerhalb der SF aufgriffen, Tabus brachen, Grenzen verschoben und dem Leser schlicht etwas gehaltvoll Neues präsentieren wollten.

Die Liste derer, die dem Ruf folgten, liest sich wie das Who’s Who der angloamerikanischen Szene jener Zeit. Der Epoche folgend finden sich leider nur sehr wenige Frauen unter den Verfassern. Es gibt auch Beiträge von damals bereits altbekannten Autoren, die sich jedoch allesamt erfolgreich bemühten, ihrem bisherigen Œuvre etwas Neues hinzuzufügen und ihre eigenen Grenzen zu überschreiten.

Das verlegerische Wagnis, ein dermaßen umfangreiches Buch mit Kurzgeschichten zu publizieren, entpuppte sich letztlich als riesiger Erfolg. Soweit ich recherchieren konnte, sind zwar die meisten der Stories in unterschiedlichsten Publikationen auf Deutsch erschienen (Heyne brachte in einer der legendären Anthologien, Nr. 32 + 34, die meisten der Geschichten), doch eine vollständige Ausgabe inklusive der jeweiligen Vorworte von Harlan Ellison sowie der Nachbetrachtungen der Autoren in einem Band fehlte bislang.

Hier springt nun Carcosa in die Bresche. Neu übersetzt (hauptsächlich, aber nicht ausschließlich von Hannes Riffel), inklusive aller Vorworte und Anmerkungen, erwartet uns ein wahrer Ziegelstein von Buch.

Ich habe mir ganz bewusst Zeit für die Lektüre gelassen, habe nach jedem Beitrag eine kurze Pause eingelegt, reflektiert und die jeweilige Erzählung auf mich wirken lassen. Dabei stieß ich auf Geschichten, die mich faszinierten, innerlich berührten oder verblüfften, aber auch auf Stories, mit denen ich weniger anfangen konnte (hier ist ausgerechnet die mit dem Hugo ausgezeichnete Novelle von Philip José Farmer zu nennen, mit der ich – Banause, der ich bin – nicht wirklich warm wurde; auch mit Philip K. Dicks Erzählung konnte ich wenig anfangen – sagte ich schon, dass ich ein Banause bin?).

Überrascht haben mich vor allem die Beiträge von Autoren, die ich meinte, gut zu kennen. Robert Silverberg etwa berichtet von einem Menschen, der „verbessert“ auf die Erde zurückkehrt, dabei jedoch jeglichen moralischen Kompass verloren hat. Oder Fred Pohl, der uns von der inneren Gleichgültigkeit von Reportern gegenüber einer – nein, „der“ – Entdeckung schlechthin erzählt; selbst echte Aliens können einen echten Sensationsreporter nicht begeistern. Robert Bloch (inklusive einer Fortsetzung von Harlan Ellison) zeigt uns, was Jack the Ripper in der Zukunft noch alles anrichten kann. Fritz Leiber lässt sein Können in einem ultimativen Aufeinandertreffen zweier Glücksspieler aufblitzen. Larry Niven beschäftigt sich mit dem Problem der mangelnden Organspende und findet dafür eine ultimative Lösung. Theodore Sturgeon nimmt sich des Themas Inzest auf seine eigene, provokante Art an. Nicht fehlen dürfen Beiträge von Ballard, Aldiss, Brunner (wie so oft setzt auch er sich mit der Thematik Gott/Glaube auseinander – wenn auch mit einem anderen Ansatz) oder Sladek.

Dazu gesellen sich Geschichten von Verfassern, die mir bis dato unbekannt waren. Miriam Allen deFord etwa entwirft ein völlig anderes Justiz- und Strafsystem. Howard Rodman zeigt, dass selbst bedeutendste Leistungen keinen dauerhaften Ruhm garantieren. Joe L. Hensley berührt mit einem Beitrag über familiäre Verwerfungen und Verlust. David R. Bunch bietet uns zwei kafkaeske Zukunftserlebnisse. James Cross zeigt, dass auch die Erfüllung aller Wünsche nicht zu dauerhafter Zufriedenheit führt. Lafferty beschäftigt sich auf seine ganz eigene Art mit den Sinti und Roma. Spinrad (ein Mann versucht, seinen Krebs zu besiegen), Zelazny (in der Arena treten Matadore gegen hochmotorisierte Autos an) und Delany beschließen schließlich den Band.

Alles in allem legt uns Carcosa einen monumentalen Ziegelstein von Anthologie vor, in dem die enthaltenen Beiträge – jeder auf seine Art – verblüffen, schockieren, fesseln oder verstören. Erzählungen, die nichts von ihrer innewohnenden Wucht verloren haben und die es nach wie vor wert sind, gelesen zu werden.

Hannes Riffel plant, sofern sich dieser Band gut verkauft, auch die zweite „Dangerous Visions“-Anthologie herauszugeben. Ob der dritte Teil dann ebenfalls seinen Weg zu uns findet, bleibt abzuwarten.

Harlan Ellison (Hrsg.): Gefährliche Visionen – Phantastische Erzählungen
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Hannes Riffel
Carcosa Verlag, Februar 2026
782 Seiten, gebundene Ausgabe, Euro 48,00

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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