Siri Hustvedt: Ghost Stories

Der Schriftsteller Paul Auster, um den es geht, verstarb im April 2024 an seinem Krebsleiden.

Er wolle ein Geist werden, hat er zu seiner Frau Siri gesagt. Nun hat Siri Hustvedt Begebenheiten aus dem Leben Paul Austers samt ihrer gemeinsamen Zeit, die sie in ihrem Haus in Brooklyn verbracht haben, und vor allem die Leidenszeit ihres Mannes in Ghost Stories verankert. Entstanden ist ein Buch, das sich aus vielen verschiedenen Fragmenten wie Erinnerungen, Tagebucheinträgen, Briefen, Kurznachrichten und Fotos zusammensetzt: „geisterhafte Bruchstücke gemeinsamer Geschichten, Ghost Storys, die auch Love Storys sind“ (E-Book S. 259).

Siri Hustvedt wurde 1955 in Minnesota geboren und war 43 Jahre mit Paul Auster verheiratet. Sie gilt als profilierte Essayistin und hat bislang sieben Romane veröffentlicht. „Was ich liebte“ wurde 2003 publiziert und verhalf ihr zum internationalen Durchbruch. In unserem Leselustportal wurden ihre Romane Mütter, Väter und Täter, Damals und Die gleißende Welt  besprochen.

Paul, der im Alter von 77 Jahren verstarb, lebte ein langes, produktives und gutes Leben, konstatiert Siri Hustvedt.

Sie bewohnt weiter das Haus in Brooklyn, das sie nun eine Architektur der Erinnerung nennt, denn Paul ist überall um sie herum. Sie riecht den Duft seiner Zigarillos, hüllt sich in seine Lederjacke, liest ihre eigenen frühen Liebesbriefe an ihn und alle seine Bücher von Neuem. Immer wieder stellt Hustvedt Verbindungen zu Austers Büchern her. Mit seiner New-York-Trilogie, die in der Zeit von 1985 bis 1987 publiziert wurde, erreichte Paul Auster internationale Bekanntheit. In unserem Portal sind verschiedene weitere Rezensionen von Paul Austers Romanen zu finden: Baumgartner, Ein Leben in Worten, Mit Fremden sprechen, Das rote Notizbuch, Von hier nach da: Briefe. In dem Essayband Bloodbath Nation, den Paul Auster zusammen mit seinem Schwiegersohn, dem Fotografen Spencer Ostrander, veröffentlicht hat, prangert er die Kultur des Waffenwahnsinns der Amerikaner an.

Siri Hustvedt lässt uns Pauls Briefe an den gemeinsamen Enkel Miles, der nur wenige Monate vor seinem Tod geboren wurde, mitlesen. Ebenso die Briefe, in denen sie den gemeinsamen Freunden von Pauls Gesundheitszustand berichtete. „Bulletin aus Krebsland“ nannte sie diese Nachrichten, die sie in regelmäßigen Abständen verschickte. Darin erfährt man von den vielen Notfällen vor Paul Austers Tod, von Therapien, Medikamenteneinnahmen und vielem Weiteren aus dieser schweren Zeit. Neben allen Qualen lesen wir ebenso von den guten Zeiten mit befreundeten Schriftstellern, wir erfahren von den Familientraditionen, die in Siris nordischer Familie gepflegt werden, von Pauls Herkunft, von Episoden mit der gemeinsamen Tochter Sophie, aber auch vom tragischen Schicksal von Pauls Sohn Daniel und der kleinen Enkeltochter Ruby.

Siri lebt ihre Trauer um Paul und um die zu Ende gegangene, sich wunderbar ergänzende Lebensgemeinschaft in einem veränderten Rhythmus weiter. Letztlich hat sie Pauls Wunsch, ein Geist zu werden, mit diesem Buch erfüllt.

Siri Hustvedts Schreibstil bleibt in diesem erschütternden, sehr berührenden, posthumen Liebesbekenntnis, das gleichzeitig Traueraufarbeitung ist, gewohnt anspruchsvoll. Mit tiefgründiger Beobachtungsgabe, philosophischen Betrachtungen und kluger Weitsicht verfestigt sie die Erinnerung an Paul Auster.

Nicht nur für Fans des berühmten amerikanischen Schriftstellerehepaars ein Muss.

Siri Hustvedt: Ghost Stories
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Grete Osterwald und Uli Aumüller
Rowohlt, März 2026
Gebundene Ausgabe, 400 Seiten, 25,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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