Nach etwas zähem Beginn eine herzerwärmende und berührende Geschichte um Einsamkeit und Freundlichkeit
Eine Maus holt eine alte Dame, die bereits mit ihrem Leben abgeschlossen hatte, aus ihrer Einsamkeit. Was für ein Plot, nicht neu, aber immer wieder schön und hier nun auch angenehm zu lesen.
Helen Cartwright, 83 Jahre alt, ist nach vielen Jahrzehnten, die sie in Australien lebte, nach England zurückgekehrt und lebt nun allein in einem kleinen, aber für sie viel zu großen Haus. Sie erwartet nicht mehr viel für sich, lebt eher in ihrer Vergangenheit, trauert um ihren verstorbenen Sohn und manchmal auch um ihren Mann. Sie hat so gut wie keinen Kontakt zu anderen Menschen, ihr Tagesablauf bewegt sich zwischen Teekochen, wenigen kleinen Mahlzeiten und dem Fernseh- oder Radioprogramm.
Eines Tages entdeckt sie im Sperrmüll der Nachbarn ein fortgeworfenes Aquarium, das sie spontan zu sich hereinholt, auch weil es Spielfiguren enthält, die sie an ihren Sohn erinnern. Kurz darauf muss sie feststellen, dass sie mit den Sachen sich auch eine kleine Maus ins Haus geholt hat. Nach anfänglichem Schrecken und dem Entschluss, das Nagetier unbedingt loswerden zu wollen, wächst jedoch erst ihre Neugier und dann ihr Interesse an der Maus.
So beginnt sie damit, der Maus nach und nach ein Zuhause einzurichten. Dazu betritt sie sogar einen Laden mit entsprechenden Dingen, was dazu führt, dass sie mit dem Ladenbesitzer näher bekannt wird. Als die Maus schließlich krank zu werden scheint, überstürzen sich die Ereignisse und sorgen dafür, dass Helen immer mehr Kontakt zu anderen Menschen bekommt, die sich um sie und natürlich auch um die Maus sorgen.
Am Ende hat auch Helen wieder Freude am Leben und neue Freunde gefunden.
Wenn man es so zusammenfasst, klingt es altbekannt und vorhersehbar. Dem mag so sein, aber die Geschichte ist sehr schön erzählt. Abgesehen von dem recht langen und etwas zähen Einstieg, der jedes Detail von Helens Tagesablauf ausführlich erzählt und daher wirklich ziemlich langatmig zu lesen ist. Andererseits zeigt dies wiederum den Unterschied zu der weiteren Entwicklung.
Insgesamt ein sehr berührender Roman, ohne zu viel Kitsch, vielleicht nicht ganz realistisch, dafür aber wirklich zu Herzen gehend. Und Mäuse sieht man nach der Lektüre vielleicht auch ein bisschen mit anderen Augen.
Leider sind wohl bei der Übersetzung ein paar Fehler unterlaufen. So bekam die Maus in der deutschen Version offensichtlich den Namen Merlin (warum auch immer), während sie im Original wohl Sipsworth hieß, so wie auch der Originaltitel des Romans lautet. Nun gibt es mehrere Stellen in der deutschen Fassung, wo versehentlich der englische Name der Maus statt des deutschen verwendet wurde. Nun ja, nicht schlimm, aber doch ein bisschen verwirrend.
Davon abgesehen ein durchaus lesens- und lohnenswertes Buch, uneingeschränkt zu empfehlen.
Simon van Booy – Eine Maus namens Merlin
Originaltitel: Sipsworth
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
Klett-Cotta, März 2026
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten, 24,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Rena Müller.
