Dan Chambers wird mit Ende 40 endlich Vater. Auf der Entbindungsstation trifft er auf Jada Hamilton, Anfang 50, der ebenfalls gerade Vater geworden ist.
Die beiden Männer und ihre Lebenssituation könnten gegensätzlicher nicht sein. Dans Frau wurde nach jahrelangen, vergeblichen Versuchen mit der sechsten IVF-Behandlung endlich schwanger; für Jada ist es das sechste Kind, soweit er weiß, mit der sechsten Frau. Dan, erfolgreicher Drehbuchautor, lebt in sorgenfreiem Luxus; Jada schlägt sich mit Kleinkriminalität durch. Dan träumt davon, endlich einen großen Roman zu schreiben; Jada will noch einen, den ganz großen Coup landen.
Niven beschreibt die beiden Hauptfiguren und ihre Lebenswelt mit mal subtilem, mal drastischem, satirischem Spott. Sie sind Repräsentanten der britischen Klassengesellschaft, der bis heute gepflegten Differenzierung zwischen »us« und »them«: uns hier unten und denen da oben.
Dan, in Sprache und Habitus ganz Bildungsbürger, kennt nur noch eine Sorge: dass seinem Tom etwas zustoßen könnte. Er liest alles, was er finden kann, über die richtige Wahl eines Schnullers, durchstöbert das Internet nach möglichen Gefahren und baut das Haus um, auf dass sein Sohn keine Treppe hinunterfallen oder sich an einer Tischkante tödlich verletzen kann. Davon abgesehen beunruhigt ihn allein die Frage, ob er kurz vor dem Abendessen in seinem Hochglanzheim noch echten frischen Wildlachs zu seinem Chablis bekommen kann. Menschen wie Jada und seine Frau sind Figuren aus einem schlechten Horrorfilm.
Jada, ein sexistischer, egozentrischer, brutaler Analphabet, ist das Wohlbefinden seines neuen Sohnes völlig gleichgültig. Darum hat sich gefälligst die Mutter zu kümmern, die 19-jährige Nicola. Das Leben der beiden besteht aus Diebstahl und Drogendeals, aus Partys in ihrer vermüllten und verschimmelten Wohnung und dem exzessiven Konsum von allem, was sich Droge nennt. Zu Leuten wie Dan, die nichts vom wirklichen Leben wissen, fallen Jada lediglich deftige Schimpfwörter ein. (Selbst die deutsche Version ist stellenweise eine Einführung in schottischen, insbesondere sexuellen Slang.)
Und dennoch führt das Schicksal die beiden zusammen.
In der ersten Hälfte geht es noch recht humorvoll zu bei der kontrastiven Beschreibung der beiden Hauptfiguren und ihres Umfelds, sofern man die Karikaturen des eher lächerlichen Helikoptervaters Dan und des ungehemmt chauvinistischen Jada nicht als zu klischeehaft und allzu dick aufgetragen empfindet.
Doch dann gibt es einen knallharten Bruch. Es kommt zu einer Tragödie, die Dan völlig aus der Bahn wirft, während es Jada, statt seinen großen Coup zu landen, mit irischen Terroristen zu tun bekommt. Plötzlich werden Dan und Jada im Kampf ums Überleben zu Verbündeten. Und nicht nur das. Aus den beiden Karikaturen werden – fast – realistische Menschen mit Stärken und Schwächen und der Fähigkeit, sich zu ändern. Auch dies gilt allerdings mit der Einschränkung, dass man Jadas Wandel und Dans geheimen, perfiden Plan nicht ebenfalls als zu inszeniert empfindet.
Gleiches gilt für das hochdramatische und emotionale Ende.
Man kann »Zwei Väter« als humorvollen Gesellschaftsroman beschreiben, als ätzende Satire oder als Kommentar zu den Gefahren und den Chancen des Lebens, die zwischen Designer-Schnullern, Champagner und gepflegtem Small Talk ebenso schlummern, wie zwischen Fusel, Fast-Food und Verwahrlosung.
Sehr unterhaltsam ist Nivens neuer Roman allemal.
John Niven: Zwei Väter.
Aus dem schottischen Englisch übersetzt von Stephan Glietsch.
btb, April 2026.
416 Seiten, Taschenbuch, 18.00 €.
Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.
