Christian Haller: Einfallende Dämmerung

Paul Bálint feiert seinen achtzigsten Geburtstag gemeinsam mit befreundeten ehemaligen Kollegen in einem kleinen Bistro in Paris. Trotz vieler warmer Worte und herzlicher Umarmungen spürt er an diesem Abend zum ersten Mal, dass er nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft ist. Seine Leistung als Forscher bleibt ihm unbenommen, seinen Rat braucht keiner mehr.

Damit scheint sich die Theorie seines Freundes Steinberg zu bestätigen. Dieser teilt das Alter in zwei getrennte Bereiche, zwei Kammern, die des jungen Alters und die des alten Alters. Ist er jetzt also da angekommen, in dieser zweiten Kammer? Bálint spürt, wie sich die Dinge verändern und wie sich Blickwinkel verschieben. Wie sich die Welt um ihn herum irgendwie neu zusammensetzt.

Seine Neugier als Forscher ist geweckt und er beschließt, die beiden Kammern des Alters zu untersuchen und zu vergleichen. Bálint registriert die Spuren fortschreitenden Alters und macht sie zum Gegenstand seiner Untersuchung. Er spürt Veränderungen nach, sammelt Analogien und analysiert die Anzeichen des Verfalls. Mit Erstaunen stellt er fest, dass sich seine Wahrnehmung der Dinge verändert hat, ebenso manche seiner Gewohnheiten.

Christian Haller hat den Helden seines Buches mit erfrischender Neugier ausgestattet. Ich begleite ihn einen Frühling lang auf Spaziergängen, bei Gesprächen mit einem guten Freund, beim Fotografieren und Erinnern. Der Autor lässt Paul Bálint und zugleich mich ein Land erkunden, welches nicht nur Einschränkungen bereithält. Die Abkehr vom Müssen und Sollen, von Zielen und Erfordernissen gewährt auch eine neue Form von Freiheit. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, alt zu werden.

Christian Haller: Einfallende Dämmerung
Luchterhand, Februar 2026
144 Seiten, Hardcover, 22,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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