Mirjam Wittig: An der Grasnarbe

In der Stadt wird Noa von Angstattacken heimgesucht.Wann immer sie in der Öffentlichkeit – in der Bahn, auf Straßen und Plätzen, in öffentlichenGebäuden – auf junge Männer mit arabischem Aussehen trifft, befällt Noa panische Angst, ihrVorstellungsvermögen produziert Bilder von Explosionen und Toten und sie verlässt den Ort. Dabei belastet sie nicht nur dieirrationale Körperreaktion, sondern auch die üble Unterstellung gegenüber denen, die die Panikattackendurch bloße Abwesenheit auslösen. Um dem allen zu entfliehen, nimmt sie eine Stelle als Helferin aufeinem Bauernhof in den französischen Alpen an.

Die Hofeigentümer Ella und Gregor haben vor etlichen Jahren Deutschland verlassen, um in

Frankreich ein neues Leben zu beginnen. Doch die Arbeit wächst den beiden zunehmend über denKopf, Helfer sind immer willkommen. In den nächsten Tagen und Wochen lernt Noa Schafe zu hüten,sie pflanzt Setzlinge, geizt Tomaten aus, hilft beim Ernten und beim Einkochen. Sie gewinnt dasVertrauen von Jade, der 11jährigen Tochter von Ella und Gregor.Doch auch hier überkommen sie immer wieder irrationale Ängste und das Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

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Robert Menasse: Die Erweiterung

Bei meinem letzten Besuch in Wien habe ich eine Sehenswürdigkeit verpasst. Dort gibt es im Kunsthistorischen Museum einen besonderesAusstellungsstück zu bestaunen – den Helm des Skanderbeg. Das auffälligste Element an diesem aus Weißgold gefertigten und mit einem vergoldeten Kupferband und goldenen Rosetten verzierten Helm ist ein auf dem Scheitel aufsitzender gehörnter Ziegenkopf aus vergoldeter Bronze.Diese Figur gilt als Herrschaftssymbol und der Träger des Helmes, Gjergj Kastrioti Skanderbeg, war ein albanischer Fürst, dem es im 15 Jhdt. gelang, die albanischen Fürstentümer gegen die Osmanen zu vereinen. Unter seiner Führung konnten in den nächsten 25 Jahren bzw. bis zum Tode des Fürsten, die Heere des Osmanischen Reiches immer wieder zurückgedrängt werden. Skanderbeg ist der Nationalheld der Albaner.

Bei meinem letzten Besuch in Wien habe ich eine Sehenswürdigkeit verpasst. Dort gibt es im Kunsthistorischen Museum einen besonderesAusstellungsstück zu bestaunen – den Helm des Skanderbeg. Das auffälligste Element an diesem aus Weißgold gefertigten und mit einem vergoldeten Kupferband und goldenen Rosetten verzierten Helm ist ein auf dem Scheitel aufsitzender gehörnter Ziegenkopf aus vergoldeter Bronze.Diese Figur gilt als Herrschaftssymbol und der Träger des Helmes, Gjergj Kastrioti Skanderbeg, war ein albanischer Fürst, dem es im 15 Jhdt. gelang, die albanischen Fürstentümer gegen die Osmanen zu vereinen. Unter seiner Führung konnten in den nächsten 25 Jahren bzw. bis zum Tode des Fürsten, die Heere des Osmanischen Reiches immer wieder zurückgedrängt werden. Skanderbeg ist der Nationalheld der Albaner.

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Nadja Niemeyer: Gegenangriff

Stelle Sie sich vor, der übelste Schädling auf der Erde würde kurzerhand ausgerottet. Nicht schlecht, oder? Dumm nur, dass wir Menschen nicht wirklich Freude daran hätten, denn besagter Schädling ist kein anderer als Homo sapiens.

Nachdem im Januar 2034 ein intelligenzförderndes Virus, in einem Labor gezüchtet und durch sorglosen Umgang nach draußen gelangt, der Tierwelt zu erstaunlichen Fähigkeiten verhilft, nimmt der Untergang der Menschheit seinen Lauf. Die nun klugen Tiere erkennen bald, welche Schäden die Menschen auf dem Planeten angerichtet haben und beschließen aus Gründen des Naturschutzes, dem üblen Treiben ein Ende zu bereiten. Sie starten einen Gegenangriff.

Es gibt schon bald erste Anzeichen:Ein Video mit zwei Katzen, die erstaunliche Fähigkeiten zeigen, geht um die Welt, die Kühe eines Biobauernhofes töten zuerst ihren Bauern und ziehen dann geschlossen zum Schlachthof. In der Folge häufen sich verwirrende und erschreckende Beobachtungen von Tieren und ihren Aktionen. Doch die Menschen übersehen das Offensichtliche und keinerahnt, dass damit die Ausrottung der Spezies homo sapiens beginnt. Weiterlesen

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Goliarda Sapienza: Die Kunst der Freude

Der Blick der jungen Frau auf dem Buchumschlag ist schwer zu deuten. Ich sehe Entschlossenheit ebenso wie Nachdenklichkeit, wohl auch eine Spur von Resignation. Das Foto zeigt die italienische Autorin Goliarda Sapienza, deren Bücher zu Unrecht in Vergessenheit geraten waren. Sie stammt aus Catania auf Sizilien und war als Theaterschauspielerin und Drehbuchautorin berühmt, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Hauptwerk L’arte della gioia – Die Kunst der Freude – jedoch blieb zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht. Die Lebensgeschichte von Modesta, einer Frau, die selbstbestimmt handelt, Männer und Frauen liebt und die Suche nach persönlichem Glück und Selbsterkenntnis über alles stellt, fand keinen Verleger. Erst der Umweg über Deutschland und Frankreich brachte dem Buch die verdiente Anerkennung.

Goliarda Sapienza hat in ihrem Roman vielmals eigenes Erleben verarbeitet. Auch Modesta wächst in Sizilien auf und verbringt einen großen Teil ihres Lebens in bzw. in der Nähe von Catania. Goliardas Eltern waren linke Intellektuelle und ihre Mutter gehörte zu den ersten Frauenrechtlerinnen Italiens. Das harmonische Zusammenleben der Patchwork-Großfamilie mit Modesta als Familienoberhaupt fand sein Vorbild sicher auch in Goliarda Sapienzas Kindheit inmitten ihrer Stiefgeschwister. Weiterlesen

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Virginia Woolf: Mrs Dalloway (1925)

London im Juni 1923. Mrs. Clarissa Dalloway, die Gattin des Parlamentsabgeordneten Richard Dalloway, bereitet sich und das Haus auf einen ihrer beliebten Gesellschaftsabende vor. Einkäufe müssen getätigt und dem Hauspersonal letzte Anweisungen erteilt werden. Während sie am Nachmittag dann noch ihr Kleid ausbessert, erscheint überraschend Besuch: Peter Walsh, ihre erste Liebe, dem sie später allerdings den deutlich solideren Richard Dalloway vorgezogen hatte, ist aus Indien zurückgekehrt und wartet ihr mit seinem Besuch auf.

Gleichzeitig streift der Kriegsheimkehrer Septimus Warren Smith, begleitet von seiner italienischen Ehefrau Lucrezia, durch die Stadt, auf der Suche nach Hilfe gegen seine Ängste und gegen das Gefühl der Empfindungslosigkeit.

Die äußere Handlung ist auf wenige (scheinbar) alltägliche Ereignisse an ebendiesem Junitag 1923 reduziert, das Voranschreiten der Zeit wird durch das Leuten von Big Ben verdeutlicht, dessen viertelstündlicher Glockenschlag zugleich dem Roman, der im Übrigen ohne Kapitel auskommt,  Struktur verleiht. Weiterlesen

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Amélie Nothomb: Ambivalenz

Dominique lernt Claude auf der Terrasse ihres Lieblingscafés kennen. Er spricht sie an und lädt sie auf eine Flasche Champagner ein. Sie ist verunsichert und misstrauisch, als er ihr versichert, sie sei die Frau, nach der er schon immer gesucht habe. Ihr Misstrauen bleibt, ihre Eltern hingegen sind verzückt über den charmanten jungen Mann mit besten Manieren, der sich zudem als erfolgreicher Firmengründer vorstellt. Schließlich willigt sie gegen ihr Bauchgefühl in die Verbindung ein.

Das junge Paar zieht nach Paris. Dort entwickeln sich Claude Geschäfte prächtig und doch will sich das Eheglück nicht so recht einstellen. Claude erweist sich als launisch und unberechenbar. Nach der Geburt des ersehnten Kindes bleibt sein Verhalten rätselhaft.

Am Ende schließt sich der Bogen in mehrfach überraschender Weise, aber das wird hier nicht verraten. Weiterlesen

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Laura Cwiertnia: Auf der Straße heißen wir anders

Der Tod ihrer Großmutter ist für Karla eine Zäsur. Die hoch betagte Dame hat der Familie eine Liste mit Aufgaben übermittelt, welche hinsichtlich Begräbnis und Erbe zu erledigen sind. Zum ersten Mal erlebt Karla einen armenischen Gottesdienst, hört die alten Gebete und Lieder und fühlt sich angesprochen. Unter den zu verteilenden Wertsachen befindet sich ein Armband aus Gold. Auf dem Zettel mit dem Namen steht Lilit, dazu eine Adresse in Jerewan. Keiner in der Familie weiß mit dem Namen etwas anzufangen. Karla überredet ihren Vater, mit ihr nach Armenien zu reisen, um Lilit zu finden.

Die Geschichte des Armbandes spiegelt die Geschichte der Familie, welche wiederum eng mit der Geschichte des armenischen Volkes verbunden ist. Die Suche nach der unbekannten Erbin bringt Karla und ihren Vater in ein Land, welches beide noch nie betreten haben. Der Roman konfrontiert den Leser dabei mit einem dunklen Kapitel europäischer Geschichte.

Laura Cwiertnia lässt vier Generationen zu Wort kommen: Die Ich-Erzählerin Karla teilt ihre Erinnerungen an Großmutter Maryam, sie beschreibt ihre Eindrücke von den Begräbnisfeierlichkeiten und von der Reise. Dabei gewährt sie mir Einblicke in die Gepflogenheiten ihres Volkes. Weiterlesen

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Carole Johnstone: Das Spiegelhaus

Warum verlassen zwei kleine Mädchen ihr Elternhaus und laufen nachts mit blutbefleckten Kleidern zum Hafen auf der Suche nach einem Schiff?

Weil ihre Zwillingsschwester El von einem Segelausflug nicht zurückgekommen ist, kehrt Cat nach zwölf Jahren Abwesenheit zurück in die kleine Stadt in der Nähe von Edinburgh. In die Stadt ihrer Kindheit. In das Haus ihrer Kindheit. Dort trifft sie auf Ross, den Gatten ihrer Schwester und ihrer beider Spielgefährte aus Kindertagen. Er wirkt verzweifelt und hilflos. Die ermittelnden Beamten der Polizei haben Fragen und erwarten, dass Cat ihnen einen Grund für das Verschwinden von El nennen kann. Fast alle haben die Hoffnung, sie lebend zu finden, inzwischen aufgegeben. Doch Cat glaubt nicht an den Tod ihrer Schwester. Sie ist sich sicher, dass sie gespürt hätte, wenn El etwas Schlimmes zugestoßen wäre, so wie sie früher ihre Ängste und Schmerzen gespürt hat.

Sie verfängt sich in dem Netz aus Erinnerungen, dem sie mit ihrer Flucht in die USA zu entkommen versucht hatte. Da sind die ausgelassenen Spiele auf einem Piratenschiff, die Geschichten des Großvaters und die, die ihnen ihre Mutter vorgelesen hat. Das Haus war voller Abenteuer. Weiterlesen

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Abigail Assor: So reich wie der König

Die 16-jährige Sarah ist eine Schönheit. Sie lebt in den 90er Jahren im Armenviertel von Casablanca.  Als Französin darf sie das Gymnasium besuchen, ohne Schulgeld bezahlen zu müssen. Sie träumt von einem Leben in Sorglosigkeit, ein reicher Ehemann wird ihr irgendwann dazu verhelfen. Schon jetzt lässt sie sich von Jungs bzw. jungen Männern aushalten. Als sie eines Tages von Driss hört, der reich wie ein König sein soll, steht ihr Entschluss fest: Sie wird ihn erobern und heiraten, dann ist sie die Königin. Ihr Aussehen eröffnet ihr den Zugang zu besser gestellten Gruppen, sie verbirgt geschickt, aus welchen Verhältnissen sie kommt – keiner ihrer Mitschüler bzw. der Jungs, von denen sie sich anbaggern und abschleppen lässt, weiß, wo sie wohnt, lieber nimmt sie zwei Stunden Fußweg zur Schule auf sich.

Driss wiederum stammt aus einer reichen muslimischen Familie, er fährt Motorrad, trinkt Pfefferminzlimonade. Ist verklemmt und nicht unbedingt gutaussehend. Für Sarah ist das kein Hindernis. Seine thymiangrünen Augen erinnern sie an Rindertajine, sie sind ein Versprechen, eine Vorahnung der glücklichen Zukunft.

In ihrem Roman beschreibt Abigail Assor das Leben in der Millionenstadt Casablanca, im Roman nur „Casa“ genannt.  Wenn Sarah auf ihren Wegen durch die Straßen der Stadt läuft – durch die Wohngebiete der Reichen ebenso wie durch die Armenviertel, bekomme ich einen Eindruck von vielfältigen Sinneseindrücken. Weiterlesen

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Clarice Lispector: Ich und Jimmy

Jimmy weiß, wie Liebe, Sex und Beziehung funktionieren. In der titelgebenden Kurzgeschichte lässt sich eine junge Frau auf seine Argumentation ein und nimmt ihn schließlich auf eine Weise wörtlich, die ihm nicht behagt.

In den Geschichten der brasilianischen Autorin Clarice Lispector stehen Frauen im Mittelpunkt, junge Mädchen und ältere Damen, Hausfrauen, Ehefrauen, Angestellte, Prostituierte. Die Autorin beschreibt einen exemplarischen Moment im Leben ihrer Protagonistinnen. Die Erzählanlässe erscheinen teilweise banal – eine Zugfahrt, bei der sich zwei Frauen gegenüber sitzen, ein Strauß Rosen, der verschenkt werden soll oder vielleicht auch nicht, die Verabschiedung der Mutter nach dem Besuch. Hinter dem alltäglichen Rahmen versteckt sich jedoch besonderes Erleben. Konträr dazu wird die Rache von zwei Frauen an ihrem untreuen Liebhaber so unspektakulär erzählt, als handle es sich um ein paar gestohlene Kartoffeln.

In den meisten Geschichten geht es weniger um die Handlungen, vielmehr tauche ich in die Gedankenwelt der Frauen ein, begleite sie auf den verschlungenen Pfaden von Assoziationsketten und Erinnerungen, werde zur Mitwisserin versteckter Hoffnungen oder verschämten Egoismus. Es zeigen sich Wesenszüge, die tief unter der Oberfläche verborgen sind. Weiterlesen

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