Geistreich, unterhaltsam und ganz auf heutige Lesebedürfnisse zugeschnitten: Wie ein literarisch-philosophisches „TikTok-Format“ für Wissbegierige muten die 200 kurzen Kolumnen von Irene Vallejo an, veröffentlicht in der Zeitung „El Pais“. Die Autorin pickt sich eine Idee, eine Redensart, die Herleitung eines Wortes oder eine Sage aus der Antike heraus und verknüpft sie gekonnt mit Heute. Das regt beim Lesen sowohl zum Schmunzeln, als auch zum Nachdenken an. Denn in der Moderne steckt weit mehr vom alten Rom und Athen, als uns bewusst ist. Noch dazu bezaubert Irene Vallejo durch ihren ganz eigenen Schreibstil mit herrlichen Metaphern samt Kommentaren, die Lust darauf machen, diesen Buchschatz in einem Atemzug zu verschlingen.
Antikes Wissen im praktischen Pocket-Format
Warum sind Pyrrhussiege so fragil? Was ist das „Hybris-Syndrom“ und wieso leiden alle Politiker daran? Auf welchen Kaiser ist der Ausspruch „Geld stinkt nicht“ zurückzuführen? Warum leitet sich das Wort „Pupille“ von einem lateinischen Wort für „Püppchen ab? Wie machen sich Populisten den Manichäismus, eine späte antike Religion, für ihre Zwecke zunutze? Menschen, die sich Tatsachen nach ihrem Gutdünken zurechtbiegen, leiden übrigens am „Prokrustus-Syndrom“, welches auf den ersten Serienmörder der Antike zurückzuführen ist. Ebenfalls tragisch ist für den Philosophen Epiktet der Neid, denn er fordere stets zwei Opfer. Warum Neid tatsächlich blind machen kann, offenbart ein orientalisches Märchen über einen eifersüchtigen Minister. In kleinen, kurzen Kapiteln entblättert sich Ihnen beim Lesen eine neue Welt an Analogien und „Ach, daher stammt der Begriff!“-Momenten.
„Saftiger Humor“ mit Tiefgang
Neben Themen wie „Demokratie“ und „Literatur“ kommt auch die leichte Unterhaltung nicht zu kurz. Beispielsweise hat der Astronom Synesius, selbst gegeißelt durch schwindende Haarpracht, allen Glatzköpfen ein gewagtes Rebranding verpasst. Ovid gibt unglücklich Verliebten gute Ratschläge, während Platons Dilemma um die Liebe völlig missinterpretiert wurde. Irene Vallejo zeigt zudem, warum Humor so gesundheitsfördernd ist, vor allem, wenn es sich um „saftigen Humor“ handelt. Das lateinische Wort „umor“ bedeutet Feuchtigkeit und geht zurück auf die Lehre, dass die Gesundheit vor allem von den Leibessäften Blut, Lymphe und Gallenflüssigkeit bestimmt werde. Selbst die schwächelnde Solidarität in Krisenzeiten wird humoristisch angegangen. So geschehen bei Dikaiopolis, Protagonist einer griechischen Komödie, der am Ende zur Erkenntnis gelangt: „Alle kümmern sich doch nur um sich selbst – alle außer mir. Ich kümmere mich um mich.“ (S.210)
Apropos Liebe – auf die Absurditäten der besitzergreifenden Liebe verweist die titelgebende Kolumne „Wein und Küsse“. Die Römer hatten Küsse typologisiert und in dem Gesetz „ius osculi“ verheiratete Frauen dazu verpflichtet, ihren Gatten sowie männliche Verwandte (falls von ihnen gewünscht) täglich zu küssen. So konnte anhand des Atems überprüft werden, ob die Frau Wein getrunken hatte. Denn der promillehaltige Rebensaft galt als Wegbereiter zum Ehebruch.
„Sind die Idioten in der Überzahl, kommen die Alleswisser an die Macht“
Dieses schöne Zitat der Autorin finden Sie auf Seite 96 in der Kolumne „Idioten“. Sie bezieht sich darin auf Menschen, die sich selbst als antipolitisch bezeichnen. Ihr trockener Kommentar: „Genauso gut könnten wir uns als sauerstofffeindlich bezeichnen und trotzdem weiteratmen.“ (S. 95). Ursprünglich bezog sich das griechische Wort Idiot auf Bürger, die zwar all ihre Rechte genossen, sich aber nicht um öffentliche Anliegen kümmerten.
Die spanische Autorin Irene Vallejo verstand es bereits in Werken wie Papyrus – einem Sachbuch über die Entstehung und Bedeutung von Büchern – sowie in ihrer feministischen Nacherzählung der Aeneas-Sage „Elyssa – Königin von Karthago“ bestens, die Antike ins Heute zu transferieren. Wenn der römische Kaiser Marc Aurel die Gelassenheit als höchste Mutprobe bezeichnet, sind diese Denkansätze in einer Welt, in der Hass und Hetze durch Algorithmen belohnt werden, aktueller denn je. In ihren Reden auf der Frankfurter Buchmesse kommt Vallejos Liebe zur Literatur strahlend zum Vorschein. Zur Lesefreude von „Wein und Küsse“ trägt auch die hervorragende Übersetzung von Kristin Lohmann bei.
Erfrischend servierte Antike, drapiert in Humor mit tiefgründigem Abgang in leichten Häppchen – das ideale Format, um auch die Generation TikTok zu begeistern! Wieder ein wunderbares Werk der spanischen Autorin und Philologin Irene Vallejo. Einfach lesen und mit historischem Wissen glänzen.
Irene Vallejo: Wein und Küsse – 200 Ideen aus der Antike.
Aus dem Spanischen übersetzt von Kristin Lohmann.
Diogenes, Oktober 2025.
288 Seiten, gebundene Ausgabe, 26,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
