Christien Brinkgreve: Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen

Christien Brinkgreve, Jahrgang 1949, lebt in Amsterdam.

Sie ist emeritierte Professorin für Soziologie. Sie forschte und publizierte zum Umgang mit Emotionen sowie zu den Beziehungen zwischen Männern und Frauen und zwischen Eltern und Kindern.

Nach dem Tod ihres Mannes macht sie sich Gedanken über ihre zu Ende gegangene Partnerschaft und beginnt beim Ordnen und Sortieren des Hauses, alles zu hinterfragen.

Sie reflektiert ihr Leben mit Blick auf ihre Rolle innerhalb der Familie, auf ihre Partnerschaft und auf die Wahrnehmung ihrer selbst. Währenddessen scheint das Leben ihres Mannes, der sich zu Lebzeiten von nichts trennen konnte und die Vergangenheit in vollgestopften Schränken und Schachteln konservierte, allgegenwärtig. Was darf sie wegwerfen, und was sollte oder möchte sie in dem Chaos seiner Hinterlassenschaften behalten? All das ist Bestandteil ihres Trauerprozesses.

Ihre beiden Leben haben sich im Laufe der langen gemeinsamen Zeit in verschiedene Richtungen entwickelt, obwohl sie sich beide für das Innenleben des jeweils anderen interessierten. Sie hatten gute, glückliche Zeiten durchlebt; beide konnten sich ihrem Beruf und ihren Interessen widmen. Zum Schreiben zog sie sich in ihr kleines Feriendomizil in den Dünen zurück. Dennoch hatte Christien Brinkgreve den Kindern gegenüber immer Schuldgefühle.

Irgendwann waren Leichtigkeit und gegenseitige Liebe verflogen. Beide Partner waren zu Gefangenen ihrer jeweiligen Rollen geworden. Als ihr Mann pensioniert wurde, stürzte seine Welt ein, und sein Gemütszustand verdüsterte sich. Durch seine Depressionen wurde der ohnehin schwer zugängliche Mann noch komplizierter.

Christien Brinkgreve muss erkennen, dass sie sich irgendwann selbst zwischen ihren Emotionen und Erwartungshaltungen verloren hat. Nach und nach gelangt sie zu Einsichten über sich selbst, über ihre Versäumnisse und über das, was sie aufgegeben hat – und findet so auch wieder einen Zugang zu ihrem verstorbenen Ehemann.

In ihren Rückblicken analysiert Brinkgreve ihr Leben in sehr direkter Form, indem sie eigene Verhaltensmuster offenlegt. In vielen dieser Muster werden Leserinnen und Leser Parallelen zu sich selbst finden.

Mit dem Schreiben hat Brinkgreve sich aus der Ohnmacht ihrer Gefühle befreit. Als dieser Prozess abgeschlossen ist, kann sie sich gedanklich und emotional ihrem verstorbenen Mann wieder annähern, sein Verhalten neu interpretieren und ihn besser verstehen. So sind Haus und Ehe zum Ende des Buches wieder geordnet.

Ein bemerkenswerter Selbstfindungsprozess durch die ehrliche Selbstanalyse einer Frau und die Aufarbeitung ihrer Partnerschaft.

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
Übersetzung aus dem Niederländischen: Lisa Mensing
Carl Hanser Verlag, Februar 2026
Gebundene Ausgabe, 192 Seiten, 23,00 Euroo.

Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.

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