Für die 12-jährige Paula bricht die Welt zusammen, als ihre Mutter Francesca bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt. Paula fühlt sich allein und verzweifelt, von allen verlassen. Auch das Versprechen ihres Vaters, „nur noch du und ich“, fühlt sich bald nicht mehr wahr an, als Sandra, Francescas angeblich beste Freundin, sich immer mehr in ihr Leben drängt. Was zunächst nach Kümmern und Trösten aussieht, wird mehr und mehr zum Eindringen in die Gemeinschaft zwischen Paula und ihrem Vater. In der Schule behandelt man sie wie ein rohes Ei, die Freundinnen wissen nicht, wie sie mit ihr umgehen sollen. Da ist die Aussicht, die großen Ferien an der Amalfiküste verbringen zu dürfen, bei Mamas Familie, für Paula ein großer Trost. In Ravello, wo Nonna Rosa, ihre Urgroßmutter und Nonna Adele, ihre Großmutter leben, fühlt sie sich willkommen und zu zu Hause. Nonna Adele hat nach dem Tod ihrer Tochter beschlossen, ihre Apotheke schon früher als geplant an ihre Mitarbeiterin zu übergeben und sich zurückzuziehen. Das Nichtstun fällt ihr allerdings nicht leicht, sie ist gerade mal knapp sechzig und viel zu agil, um nur noch in der Sonne zu sitzen. Paulas Besuch tut ihr gut. Sie liebt ihre deutsche Enkelin inniglich, erinnert sie sie doch sehr an ihre Tochter Francesca.
Auch Valeria, die Tochter von Tante Costanza, die ein Hotel im Ort führt, freut sich auf Paulas Besuch. Die beiden Mädels haben sich immer hervorragend verstanden. In diesem Sommer müssen sie allerdings feststellen, dass sie sich verändert haben. Ob das eine Jahr Altersunterschied das macht? Paula findet Valeria oberflächlich und komisch. Sie ist lieber mit Rosa und Adele zusammen. Adele möchte den inzwischen verwilderten Garten, den Rosa vor Jahren angelegt und liebevoll gepflegt hatte, wieder auf Vordermann bringen, Paula ist eine willkommene Hilfe. Die Gartenarbeit unter der strengen Aufsicht von Nonna Rosa gibt ihnen ganz nebenbei Gelegenheit, über Paulas Kummer und Ängste zu reden, über die Trauer um Francesca, mit der ja auch Adele fertig werden muss, wie auch über die ein oder andere Frage, die Paula zu Francescas interessanter und durchaus bemerkenswerter Familie hat. Die Gartenarbeit bringt Großmutter und Enkelin noch ein bisschen enger zusammen.
Paulas Interesse an den Heilpflanzen und Kräutern freut auch Rosa, die früher daraus Salben und Tinkturen für die Apotheke ihres Mannes gemischt hat. Fragen zu den Pflanzen beantwortet sie gerne, allen anderen weicht sie aus. Bis das eines Tages nicht mehr geht, als nämlich Adele ein altes Foto findet und mit den Fragen dazu eine Lawine ins Rollen bringt, die nicht mehr aufzuhalten ist. Rosa ist allerdings auch ein Stück weit erleichtert, endlich ihre gut gehüteten Geheimnisse über ihre Kindheit und Jugend, aber auch über Adeles Herkunft lüften zu können und damit nicht nur offenkundige Fragen zu beantworten, sondern auch solche, die lange schon unterschwellig nach Antworten verlangt hatten.
Ein sehr emotionaler Roman über Familiengeheimnisse, den Widerstand in Italien 1943 und eine Villa, in der jüdischen Kindern damals Zuflucht gewährt worden war, obwohl ein ganzes Dorf sich damit in allergrößte Gefahr gebracht hat. Eine packende Familiengeschichte vor realem historischen Hintergrund, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, rückblickend und im Heute. Realistisch, berührend und historisch sehr interessant.
Antonia Riepp: Der Garten der Geheimnisse
Piper, April 2026
464 Seiten, Paperback, 17,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
