Im zweiten Band der kleinen Reihe um die junge jüdische Lehrerin Stella stehen die Schicksale der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt, denen es noch kurz vor Ende des Krieges gelungen ist, vor der Einberufung zu fliehen bzw. der Kinder, die damals in Heimen lebten und Grausamkeiten ertragen mussten, von denen wir kaum eine Vorstellung haben. Inzwischen kommen immer mehr dieser Vorgänge in Heimen – nicht nur in Österreich – ans Licht, aber leider können kaum noch Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden. Beispielhaft werden hier die Schicksale zweier Jungen geschildert, die sich zufällig in einem Zug begegnen. Beide auf der Flucht: Günther auf der Flucht vor der Einberufung, Bruno auf der Flucht vor dem Heim. Bruno ist völlig mittellos und läuft im Zug bereits Gefahr, erwischt zu werden, weil er keinen Fahrschein hat. Günther greift ein, zahlt die Fahrkarte, und beide gehen den gefährlichen weiteren Weg gemeinsam.
Nach einigen Zwischenstationen, die Günther ohne die Hilfe Brunos – der sich mit dem Leben in den Wäldern und auf dem Land und den lauernden Gefahren auskennt – nicht überstanden hätte, landen sie in Wien, wo Günther bei einer entfernten Verwandten unterkommt, die allerdings nicht bereit ist, Bruno über längere Zeit ebenfalls aufzunehmen. Doch Bruno schlägt sich durch. Am Gymnasium, das Günther jetzt besuchen kann, treffen sie wieder aufeinander, doch Bruno ist ebenso plötzlich wieder verschwunden, wie er nur kurz in Günthers Blickfeld aufgetaucht war. Günther hatte nicht einmal Gelegenheit, den Freund anzusprechen. Bruno war bei Leopold, dem Tischler, der viele Reparaturarbeiten an der Schule machte, untergekommen und ihm eine große Hilfe, weil er mit Holz sehr geschickt arbeiten konnte. Auch Leopold wundert sich, dass Bruno ohne ein Wort verschwunden ist. Nach und nach stellt sich heraus, dass es wohl eine Begegnung zwischen Bruno und dem neuen Direktor des Gymnasiums gegeben haben musste, die Bruno so verschreckt hat, dass er alles hatte stehen und liegen lassen und geflohen ist.
Günther vertraut sich Stella an, die auch von Leopold über Brunos Verschwinden informiert ist. Stella hat selbst unter Direktor Deimel zu leiden und kann sich gut vorstellen, dass alles, was sie von der Begegnung erfährt, der Wahrheit entspricht. Schon lange vermuten sie und ihre wenigen Freunde, dass Deimel eine Vergangenheit hat, die besser nicht ans Licht kommt, die ihm aber dazu verholfen hat, den Posten als Direktor zu bekommen, der eigentlich schon Stella zugesagt worden war. Deimel nutzt jede Gelegenheit, Stella zu rügen und ihre Unterrichtsmethoden schlecht zu machen, sie anzuschwärzen und mit seinen guten Kontakten zu drohen. Brunos Verschwinden und sein Schicksal, von dem Stella und Leopold nur nach und nach erfahren, geben ihr und ihren Freunden jetzt endlich Gelegenheit, gegen Deimel vorzugehen.
Ein gut recherchierter Roman, der ein dunkles Kapitel der Geschichte aufgreift, über das wohl noch immer wenig bekannt ist. Flüssig geschrieben, tiefgründig, packend, berührend, aufrüttelnd und erschütternd.
Beate Maly: Die Trümmerschule: Jahre der Kinder
Ullstein Verlag, Januar 2026
384 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
