Wer Bücher liebt, liebt diese Hommage an das geschriebene Wort! Noch nie habe ich mich durch die Seiten einer Autorin geblättert, die so leidenschaftlich, gewitzt und fundiert über die Magie des Lesens erzählt. Irene Vallejo nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise. Sie zeigt uns: Ohne Bücher gäbe es kein Europa, keine Demokratie, keine Menschenrechte. Keine Zivilisation, wie wir sie kennen. Bücher sind der Leim, der Menschen zusammenkittet – über Landesgrenzen, Ethnien, Kulturen und Generationen hinweg.
Da ist die Entstehung der Schrift im einstigen Mesopotamien, die ursprünglich eher dazu diente, Besitzverhältnisse zu klären. Motto: Erst wird gezählt, dann erzählt. Da ist die Entstehung des Buches über viele Stationen wie Steintafeln, Papyrusrollen und Pergament bis hin zum Buchdruck und E-Book. Und da sind natürlich Menschen, welche die Bücher schreiben, sammeln, vernichten und dazu nutzen, ihre Ideen und Überzeugungen zu verbreiten.
Größte Bibliothek der Welt & Schmelztiegel des Wissens
Den Anfang bildet Alexander der Große, der ein Weltreich gründete, aber stets mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte, da die Makedonier als ungebildete Krieger kein hohes Ansehen im antiken Griechenland genossen. Sein Traum: eine Bibliothek zu gründen, in der das Wissen der Welt versammelt war. Gesagt, getan: Die Bibliothek von Alexandria markierte einen Meilenstein der Kultur. Sie zog Gelehrte an, Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und natürlich Kopisten, welche die Werke per Hand vervielfältigten und verbreiteten.
Die spanische Autorin Irene Vallejo folgt den großen Denkern der Epoche, den bekannten und weniger bekannten. Sie entlarvt Platon als Mann mit misogynen Tendenzen, der in Frauen die Wiedergeburt von schlechten Männern sah. Sie präsentiert uns einen Ovid, der sich als Liebeskünstler und antiker „Beauty-Influencer“ betätigte. Wir verfolgen Aristoteles bei der Gründung erster Universitäten. Wissende und Unwissende verglich er mit Lebenden und Toten.
Gebildete Sklaven und verbotene Bücher
Mit Spannung lesen wir uns durch Kapitel über vergiftete Bücher (körperlich und seelisch), erleben den Schrecken verheerender Bücherverbrennungen, begleiten die weibliche Universalgelehrte Hypatia durch die Bibliothek von Alexandria bis zu ihrer grausamen Hinrichtung durch einen christlichen Mob. Faszinierende Kapitel zeigen, wie Despoten rund um Hitler und Mao Zedong, die später gnadenlos Bücher verbrannten, in jungen Jahren selbst als Buchhändler, passionierte Leser und Schriftsteller tätig waren. Wir begleiten Intellektuelle in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten, wo das Vitamin L (Literatur) nachweislich die Lebenserwartung erhöhte.
Vergnügt schmückt Vallejo die heiteren, sarkastischen und frivolen Aspekte antiker Bücher aus. Beispiel: „Der Beruf des Grundschullehrers hieß im Lateinischen litterator, ‚der das Schreiben lehrt.‘ Diese armen Teufel, meist streng, unwirsch und unterbezahlt … vermachten ihrem Namen schließlich der ‚Literatur‘, einem weiteren Berufszweig, der zu Entbehrungen neigt.“ (S. 471). Dazwischen immer wieder wunderschöne Bilder wie: „Buchläden mögen überfüllt erscheinen, und doch erweitern sie den Raum.“ (S. 509)
Vallejo illustriert das Paradoxon „Arme Autoren – reiche Leser“ und zeigt, warum im antiken Rom heute hochgebildete Berufe wie Ingenieure, Anwälte oder Autoren von Sklaven ausgeübt wurden. Genauer gesagt von griechischen Sklaven. Denn Rom war die erste Kultur, die auf absolute Assimilation und Fusion setzte. Sie waren die ersten Eroberer, die sich eine fremdländische Kultur – jene der intellektuell überlegenen Griechen – aneigneten, statt den Besiegten die eigene überzustülpen.
Keine Gegenwart ohne die Antike
Immer wieder schafft Vallejo, die in Saragossa und Florenz Philosophie studierte, mühelos Analogien durch die Jahrhunderte. Sie zeigt, wie viel Antike uns heute umgibt. Vom Rap zur Graphic Novel, vom Tweet zum Tutorial – Vorgänger davon gab es bereits bei den alten Griechen und Römern.
Fazit: Eine Ode an das Buch und eine wahre Freude zu lesen! Gehört auf die Wunschliste beziehungsweise ins Buchregal aller Literaturfans. Wie wir wurden, was wir sind, und wie die großen Errungenschaften der Menschheit – von der Demokratie bis zur Emanzipation – sich nur dank Büchern entwickeln und verbreiten konnten, dies erfahren Sie in dem absolut empfehlenswerten Buch von Irene Vallejo. Diese hat bereits in Werken wie „Wein und Küsse“ oder „Elyssa – Königin von Karthago“ ihr immenses Literatur- und Geschichtswissen unter Beweis gestellt.
Irene Vallejo: Papyrus – Die Geschichte der Welt in Büchern.
Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby.
Diogenes, September 2025.
752 Seiten, Taschenbuch, 18,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Diana Wieser.
