Caroline Stadsbjerg: Carnivora

Wenn beim gemeinsamen Essen das erste Familienmitglied erklärt, kein Fleisch mehr essen zu wollen, sind Verwunderung und Diskussionsbedarf unvermeidbar. Fleisch sei wichtig für eine gesunde Ernährung. Das Leben mit Fleisch sei gesünder und besser. Und wenn das Familienmitglied trotzdem auf vegetarischem Essen besteht, fühlen sich die anderen persönlich angegriffen. Auch Hannah erlebt diese Diskussion am Tisch ihrer Schwester, nachdem ihr Schwager Adam neben diversen Beilagen Fleisch mit einer aufwendig gekochten Sauce serviert. Die Gemüter sind erhitzt. Streit liegt in der Luft.

Doch wie soll Hannah sich erklären? Im Vergleich zu ihrer Familie hat sie eine bekannte Zuchtfarm besichtigt. Diese soll das beste Fleisch in der ganzen Umgebung liefern, heißt es.

Nachdem Hannah alles gesehen hat, was sie nie sehen wollte, kann sie nur noch an die vielen Homo Cibus denken. Abgesehen davon, dass ihre Köpfe geschoren sind und sie keine Kleidung tragen, sehen sie aus wie Hannah. Schon lange haben die Regierung und die Fleischindustrie das gesunde Fleisch der Homo Cibus gelobt, als sei es etwas ganz Normales, gezüchtete, genetisch veränderte Menschen als ideale Fleischlieferanten zu vermarkten, nachdem es keine Tiere mehr zum Schlachten gab.

Hannah, die eigenbrötlerische Hackerin, sieht ihre Umgebung mit einem frischen Blick, während die meisten Mitmenschen lieber nicht so genau hinsehen wollen. Hauptsache, es schmeckt.

Mit ihrem Debütroman Carnivora (Fleischfresser) hat die Dänin Caroline Stadsbjerg die Machenschaften der Fleischindustrie auf die Spitze getrieben. In der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es im Volksmund; und in der Not hat es unter Schiffbrüchigen auf hoher See und auf einsamen Inseln Kannibalismus gegeben.

Sprachlich kleidet die Autorin ihren Zukunftsroman in einen scheinbar leicht zu lesenden Unterhaltungsroman. Sie zeigt die Ich-Erzählerin, eine ehemalige Studentin, kämpferisch, bereit, die Regeln für ein höheres Ziel zu brechen. Hannah trägt hierfür auch die Konsequenzen. Aus verschiedenen Gründen findet sie in der Gesellschaft keinen geeigneten Platz. Ihr fehlt eine berufliche Perspektive. Und ihre Arbeit als Hilfskraft im Sekretariat einer Schule sieht sie als eine Notlösung. Doch dann erfährt sie von den vielen verschwundenen Mädchen. Eines davon ist Alina aus ihrer Schule. Hannah glaubt, der schwarze Lieferwagen vor dem Schulgelände am Tag von Alinas Verschwinden könnte eine Rolle gespielt haben. Hätte sie doch nur gewartet oder genauer hingesehen. Nun fühlt sich Hannah mitschuldig.

Caroline Stadsbjerg lässt die Ich-Erzählerin frisch und offen in ein gruseliges Umfeld blicken. Die Grausamkeit entwickelt während der Lektüre eine Wucht, die hartgesottene Leserinnen und Leser sehr schnell auf ein wenig überraschendes Ende hin schleudert. Der Blick auf die nächste Mahlzeit ist nach der packenden Geschichte ein anderer geworden.

Caroline Stadsbjerg: Carnivora
Aus dem Dänischen übersetzt von Justus Carl
Edition W, November 2025
258 Seiten, gebunden, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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