Cilla u. Rolf Börjlind: Schatten über dem Wald

Es beginnt schaurig: Jemand beobachtet ein seltsames Ritual auf einem Felsplateau; ein Blinder geht mit seiner Begleitung durch ein stilles Dorf, beobachtet durch den schmalen Spalt einer Jalousie; der Schrei einer Frau gellt durch die Nacht; ein Wolf heult auf dem Felsplateau.

Dann beginnt der Fall: In einem riesigen Ameisenhaufen wird eine männliche Leiche ohne Kopf entdeckt. Die örtliche Polizei aus Strömsund beginnt in dem kleinen Dorf Slagtjärn in den Tiefen der schwedischen Wälder zu ermitteln, während in dem Dorf die Angst umgeht und eine Bürgerwehr gebildet wird.

Emmy Sunna, die örtliche Polizeiassistentin, wird durch Olivia Rönning unterstützt, die Kennern der Krimireihe des Autorenpaares Börjlind bestens vertraut ist. Zunächst gibt es keinerlei Spuren, keinerlei nennenswerte Ansatzpunkte.

Denken können sich die Leser so manches angesichts des denkwürdigen Personals: ein blinder Spökenkieker, ein kognitiv stark eingeschränkter, aber hochbegabter Zeichner, eine notorisch untreue Ehefrau und andere, verzwickte Paarbeziehungen, eine Frau, die ihr Haus seit dem Fund der Leiche nicht mehr verlässt, sowie neben einem schwulen norwegisch-indischen Ehepaar eine homophobe Mutter (mit einer zur vollen Stunde »Heil« krächzenden Kuckucksuhr) und ihre unterbelichteten, gewalttätigen Nazi-Zwillinge.

(Eine, was das Setting und die seltsamen Figuren betrifft, auffallende Parallele zu Simon Becketts ebenfalls kürzlich erschienenem Kriminalroman Knochenkälte. https://schreiblust-leselust.de/simon-beckett-knochenkaelte)

Da alles auf einen örtlichen Hintergrund schließen lässt, versucht Olivia, mehr über die Dorfbewohner und ihre Beziehungen zu erfahren, und so geschieht zunächst wenig Dramatisches, aber es gibt viel Raum für Spekulationen. Später führt eine Spur zu einem Reitstall und ein lukrativer Stoff kommt ins Spiel, der mit ziemlicher Sicherheit noch nie eine Rolle in einem Kriminalroman gespielt hat.

Erst als in einem anderen Ameisenhaufen eine zweite, 20 Jahre alte Leiche auftaucht, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Für viele Fans der Reihe wahrscheinlich »leider«, tauchen zwei Hauptfiguren der Reihe, Mette Olseter und Tom Stilton, erst im letzten Viertel des Buches auf, da sich plötzlich Verbindungen zu einem alten, nicht vollständig aufgeklärten Fall ergeben.

Eigentlich sollte ja, ähnlich wie bei Jussi Adler Olsens Dezernat-Q-Reihe, nach »Das Auge der Nacht« die Serie beendet werden. Ob da kommerzielle Gründe den Ausschlag gaben, nun Olivia Rönning in den Mittelpunkt zu stellen und Stilton/Olsetter als Lockvogel zu verwenden?

Ganz mithalten kann der neunte Band jedenfalls nicht, auch wenn »Schatten über dem Wald« zu den besseren Büchern auf dem schier überbordenden Krimi-Markt gehört. Im Vergleich vor allem zu den ersten Bänden der Reihe wird dieser Fall, fast könnte man sagen, gemächlich inszeniert. Der Plot selbst ist gut konstruiert, auch die überraschende Auflösung macht Sinn, die Charaktere wecken Interesse (sind allerdings stellenweise etwas zu klischeehaft geraten), doch fehlen diesmal die gewohnte Spannung und die Dynamik, die die Bücher von der ersten Seite an zu Pageturnern machten.

Cilla u. Rolf Börjlind: Schatten über dem Wald.
Aus dem Schwedischen übersetzt von Susanne Dahmann und Julia Gschwilm.
btb, November, 2025.
448 Seiten, Taschenbuch, 18.00 €.

Diese Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.