Simon Beckett: Knochenkälte

Der siebte Band von Simon Becketts Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter beginnt wie ein klassischer Horrorfilm: tiefschwarze Nacht, Sturm und Blitz und Donner, sintflutartige Regenfälle, ein undurchdringlicher, finsterer Wald. Mittendrin David Hunter, der sich verfahren hat. Eigentlich war er auf dem Weg nach Carlisle, um an einer Ermittlung teilzunehmen. Stattdessen landet er in einem abgeschiedenen Dorf in den Cumbrian Mountains und einem heruntergekommenen ehemaligen Hotel mit spinnwebverhangenen Fenstern. Fehlen nur noch Zombies, Vampire oder Poltergeister.

Hinreichenden Ersatz findet Hunter in den Bewohnern des gar sich so paradiesischen Edendale. Die Menschen sind unfreundlich, misstrauisch oder gar feindselig, insbesondere ein herrischer, hasszerfressener Alter, ein hinterhältiger Riese und ein pubertierendes Rabenaas.

Und dann findet er, verflochten mit dem Wurzelwerk einer im Sturm umgestürzten Fichte, ein Skelett, die Überreste eines, wie er schnell erkennt, vor langer Zeit Ermordeten. Dummerweise hat ein Erdrutsch das Dorf völlig von der Außenwelt abgeschnitten und ein am Hang verunglückter Holztransporter hat sämtliche Telefonleitungen gekappt. Obendrein ist ganz Edendale ein Funkloch.

Hunter ist komplett auf sich allein gestellt bei seinen Ermittlungen, die irgendjemand versucht, mit allen Mitteln zu sabotieren. Es gibt weitere Skelette und ein frisches, zerstückeltes Mordopfer. Bald ist auch sein eigenes Leben in Gefahr.

Wie üblich folgen wir Hunter bei seiner zunehmend verwirrenden Ermittlung und erfahren en détail, was ein Forensiker so alles auch aus jahrzehntealten Knochen zu lesen vermag. Viel schwieriger ist es, das Beziehungsgeflecht der untereinander innig verfeindeten Bewohner zu entflechten und dem (oder den?) Täter(n) auf die Spur zu kommen.

Stilistisch bemerkenswert, und in diesem Fall besonders effektiv, ist der Kontrast zwischen Hunters wissenschaftlich nüchternen, forensischen Analysen und den atmosphärisch dichten Beschreibungen der Landschaft, die – rau, abweisend und bedrohlich – ein Spiegelbild ist der Geheimnisse und Ängste nicht nur der Dorfbewohner, sondern auch des Protagonisten selbst (wobei Beckett klugerweise auf detaillierte Rückblicke auf Hunters Vergangenheit verzichtet; Kennern seiner Romane reichen ein paar Stichworte, und für neue Leser sind sie ausreichend, um Hunters Charakterbild abzurunden).

Beckett ist auch mit dem siebten Band ein insgesamt spannender Thriller mit interessanten Charakteren und einem, inklusive der Auflösung, gut konstruierten Plot gelungen. Allein die mehrfachen Wanderungen durch dasselbe tief verschneite, unwegsame Gelände, die Hunter mal allein, mal mit einem Schwerverletzten, mal auf der Flucht bewältigen muss, sind manchmal etwas zu langatmig und detailverliebt geraten. Zwar kennen die Leser am Ende jede Biegung, jeden Felsen und jede Steigung und haben ein plastisches Bild der Landschaft vor Augen; dennoch, beim dritten, vierten Mal hätte eine kompaktere Erzählweise, die auch auf die eine oder andere Wiederholung hätte verzichten können, der Spannung nicht geschadet. Ob es nötig war, Hunter innerhalb weniger Tage gleich mehrfach weit über alle normalen Belastungsgrenzen hinaus, Heroisches leisten zu lassen, ist eine andere Frage.

Simon Beckett: Knochenkälte
Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn
Rowohlt Wunderlich, (November, 2025)
460 Seiten, Hardcover, 26,00 €

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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Ein Kommentar zu “Simon Beckett: Knochenkälte

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