Der deDer deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff wird in diesem Jahr 78 Jahre alt. Er schreibt Romane, Erzählungen, Drehbücher und Theaterstücke. Seine Werke wurden ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis 2016 für die Novelle „Widerfahrnis“. Am 15. Januar 2026 veröffentlichte dtv seinen neuesten Roman mit dem Titel „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“.
Terese und Viktor, das „ewige Paar“?
Und tatsächlich ist der Titel des Buches „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“, wenngleich etwas sperrig, vortrefflich gewählt.
Es geht um Terese (Tess), Ende sechzig, seit einer Ewigkeit verheiratet mit Viktor (Vigo) Goll. Terese ist Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche. Vigo hat seine Denkfabrik, die sich mit Abrüstung und Waffenhandel in der Welt beschäftigt hat, verkauft. Nun will er ein Buch über eine Welt ohne Waffen schreiben. Dazu reist er nach Indien. Terese fliegt ihm hinterher – auch um zu erkunden, ob sie die Reste ihrer beider Leben zusammen mit Vigo verbringen will. Sie steigt im gleichen Guesthouse wie er in Mumbai ab, aber Vigo ist bereits weitergereist. Dafür verliebt sich Terese in den Guesthouse-Besitzer Rana Walter Panjabi, der eine deutsche Mutter und einen indischen Vater hat. Ranas Mutter stammt aus der Nähe von Freiburg, Tereses Heimat, bevor sie nach Frankfurt ging.
Terese verbringt ihre Tage denkend und durch Mumbai streifend, während Vigo verschwunden bleibt – zu einem Treffen mit einem Waffenhändler in einer abgelegenen Bucht im Bundesstaat Goa. Auch dorthin folgt ihm Terese, erfolglos, nur den Schweizer Waffenhändler spricht auch sie. Vigo ist derweil wieder zurück in Mumbai, und irgendwann gelingt das Wiedersehen zwischen den beiden. Terese vermutet eine Affäre ihres Mannes mit einer Frau.
Da ereilt sie die Nachricht ihrer Tochter Ava, die in London als Bankerin bei J. P. Morgan arbeitet: Sie sollen beide am kommenden Samstag nach London kommen, Ava habe eine Überraschung für sie. Diese Überraschung, verkündet in einem traditionsreichen Londoner Tea House, hat es vor allem für den pazifistischen Vater Vigo in sich. Terese fliegt überstürzt zu Rana zurück, und Vigo gibt sein Buchvorhaben auf.
Noch einmal wird Terese danach nach Deutschland zurückgerufen: Ihr verehrter Doktorvater und langjähriger Geliebter Hans Schellenberg ist gestorben. Nach der Beerdigung reist Terese wieder ab – jedoch nicht nach Mumbai.
Bodo Kirchhoffs „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ ist grandios
Was für ein Roman! Selten hat mich als Lesende eine Geschichte so in den Bann gezogen. Kirchhoffs Werk lässt mich vom ersten Satz an versinken in eine Erzählkunst, die ihresgleichen sucht:
„Flüge Richtung Osten, in eine schnell nahende Nacht, machen nachdenklicher als solche nach Westen, die den Tag verlängern, als würde sich auch das Leben verlängern – etwas, das Terese entgegenkommt auf ihrem Flug in den Abend, anders als der Fensterplatz: weiß Gott kein Wunsch.“ (S. 9)
Die knapp sechshundert Seiten auf dünnem Papier lesen sich wie im Rausch.
Und noch ein anderer erzählerischer Coup macht den Roman besonders: Nicht die Protagonistin Terese lässt Kirchhoff über sich erzählen, sondern ihren Mann Vigo. Terese wird zur Heldin seines Romans, den er statt des Buches über eine Welt ohne Waffen schreibt – „zweifellos eine Anmaßung, meine alte Schwäche – denkbar, dass sie sich deshalb von mir oder uns als ewigem Paar gelöst hat; sie hat sogar ihre Mobilnummer ändern lassen.“ (S. 15)
Und so gerät die Geschichte einer Frau zur Reflexion eines Mannes, der sie, sich und ihr gemeinsames Leben zu beschreiben versucht und dabei wahrlich seinen männlichen Blick nicht verliert und nicht „einmal von sich absehen kann“. Mit einer Vergewaltigung in der Ehe im gemeinsamen Londoner Hotelzimmer als Höhepunkt der in Auflösung begriffenen Beziehung zwischen Terese und Vigo.
Bodo Kirchhoff erzählt ohne Anführungszeichen, ohne Hervorhebungen – was das Lesen nicht behindert, sondern fließen lässt, getragen allein von den Worten, den richtigen Worten an der richtigen Stelle des Textes, Kapitel für Kapitel. Und am Ende sind 74 Kapitel geschrieben: perfekt, oder nahezu perfekt. Also beginnt mein Lesejahr 2026 mit einem großen Vergnügen und das heißt „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ von Bodo Kirchhoff.
Bodo Kirchhoff: Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt.
dtv, 15. Januar 2026.
Hardcover, 576 S., 28,- Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Sürder.
