Der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan hat bislang zahlreiche, von der Kritik gefeierte Romane verfasst. In unserem Leselustportal ist eine weitere Rezension zu seinem 2022 erschienenen Roman „Ocean State“ zu finden.
Sein neuer Roman „Abendlied“ ist im Gegensatz zu „Ocean State“ eine ruhige Geschichte, was wohl an den betagten Hauptfiguren liegt.
„Abendlied“ ist in O’Nans Geburtsort Pittsburgh, Pennsylvania, angesiedelt. Hier haben sich mehrere betagte Damen zu einer Selbsthilfeorganisation zusammengefunden und den „Humpty-Dumpty-Club“ gegründet. Ihr Hauptanliegen ist es, sich gegenseitig und weitere alte Menschen zu unterstützen, damit alle noch möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben führen können. Im Laufe der Jahre sind einige vertraute Personen gegangen, andere kamen dazu.
Der Plot besteht aus den Tagesabläufen des übrig gebliebenen harten Kerns der Humpty-Dumpty-Gruppe. Für die Seniorinnen Joan, Emily, Arlene, Susie und Kitzi ist es selbstverständlich und zu einem Teil ihres Lebens geworden, anderen zu helfen. Gleich zu Anfang wird Joan nach einem Treppensturz ins Krankenhaus eingeliefert. Sie braucht nun selbst die Hilfe der anderen, was sich als gar nicht so einfach herausstellt, da bei ihr alle Fäden zusammenliefen und sie bislang alle Termine organisiert hat. Doch die verbliebenen Vier lassen sich nicht unterkriegen und finden für alles und alle Lösungen. Dabei geht es unter anderem um Besuche bei einem Künstlerpaar, das in einem völlig vermüllten Haus mit unzähligen Katzen wohnt, um die Betreuung von Joans eigener Katze, um Hilfe bei Formalitäten, um das Organisieren einer Beerdigung und viele weitere Aktionen. Die Humpty-Dumpty-Frauen beweisen jede Menge Mut und Engagement und bleiben eine verschworene Gemeinschaft. Ihre Initiative ist zur Ehrensache für jede Einzelne von ihnen geworden. Bei aller Fürsorge finden sie sogar noch Zeit für ihre gemeinsamen Hobbys: Sie singen im Chor, besuchen Konzerte und gehen zusammen im Restaurant essen.
Jeder Tag der Frauen ist mehr als ausgefüllt. Die Handlung ermüdet jedoch durch zu viele und zu ausführliche Konversationen, was mich immer wieder zum Querlesen verleitet hat. Eine Nähe zu den Figuren will sich nicht einstellen.
Positiv ist aber zu vermerken, dass Stewart O’Nan Tücken und Lasten des Alters zusammen mit Glücksmomenten und Bestätigungen der Protagonistinnen sicher ziemlich realitätsnah aufzeigt.
Stewart O’Nan: Abendlied.
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Thomas Gunkel.
Rowohlt, Januar 2026.
gebundene Ausgabe, 343 Seiten, 26,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
