Der norwegische Autor Edvard Hoem schreibt zu Beginn seiner Einleitung an seine Leser, wie er beschloss, genug über das Leben seiner Ahnen geschrieben zu haben. In den vergangenen Jahren stellte er uns seine Urahnin vor, die eigenständig ihren Lebensunterhalt als Hebamme verdient hatte. Ein weiterer Vorfahr wurde während seiner fünfjährigen Gefangenschaft bei den Engländern Geigenbauer, ein anderer liebte das Heumachen.
Völlig unerwartet übernahm die Erinnerung an Julie Elisabeth Hoem, die jüngste Tochter des Geigenbauers, die Regie über ein neues Buchprojekt. Es begann eine schwierige und nahezu unmögliche Recherche, denn über Julie fanden sich nur sehr wenige Spuren. Sie tauchte zum Beispiel 1865 in einer Volkszählung auf oder in zwei Inseraten, in denen sie 1894 ihre Dienste als erfahrene Haushaltshilfe anbot. Sie starb im Februar 1911 in dem Bergener Altenheim „Alders Hvile“ (Frieden des Alters). Zwei Jahre benötigte Edvard Hoem für seine historische Liebeserklärung an Julie Elisabeth Hoem, die nicht wie ihre viel zu früh verstorbene Mutter im kalten Fjordwasser Klippfisch waschen wollte, um ihre Familie satt zu bekommen.
Das Leben der Fischer, Bauern oder Ehefrauen war damals hart und entbehrungsreich. Die Frauen starben früh an Auszehrung oder im Kindbett, weil es keine medizinische Betreuung gab. Es sei denn, eine versierte Hebamme kam rechtzeitig vorbei.
Julie wollte mehr in ihrem Leben erreichen. Sie wollte so frei und eigenständig sein, wie es zu dieser Zeit erlaubt war.
Nach dem frühen Tod ihrer Mutter begann sie mit Laufdiensten ihre erste Arbeit bei dem größten Fischhändler der Gegend. So nach und nach wurden ihr weitere Aufgaben übertragen. Sechs Jahre später starb ihr Vater. Nun war sie auf sich allein gestellt – und dies bis ins hohe Alter. Die Umstände führten sie in die Haushalte reicher Familien. Sie arbeitete als Dienstmädchen und später als Hausmamsell, die für die Haushaltsführung zuständig war. Ihr arbeitsreiches Leben blieb ohne Ehemann, ohne eigene Kinder und ohne finanzielle Rücklagen.
Ihre sechs Schwestern unterstellten Julie, sie wolle etwas Besseres sein. Dass sie nur anders leben wollte, hatten sie nicht verstanden.
Mit den wenigen Fakten als Gerüst schrieb Edvard Hoem einen eindrucksvollen historischen und biografisch angehauchten Roman, der ein Hohelied auf weibliche Stärke und Klugheit geworden ist. Anhand von Julies Erlebnissen beschreibt er sehr anschaulich, wie das Leben der einfachen Arbeiter gewesen ist und wie wirtschaftliche und politische Kräfte in ihren Lebensunterhalt eingriffen. Im Laufe der Jahrzehnte veränderten sich zwangsläufig „… die Zeiten, und auch Julie Elisabeth Hoem veränderte sich mit den wechselnden Zeitepochen.“ (S. 359) Sie hatte nach ihrem Umzug nach Bergen „den Dialekt ihrer Kindheit und ihre offenherzigen Manieren abgelegt.“ (S. 359) Sie beherrschte die englische Sprache und die Bergener Hochsprache und wurde ein zurückhaltender, gebildeter Mensch.
Erneut gelingt Edvard Hoem, auch dank der Übersetzerin Antje Subey-Damer, eine spannende Reise in die Vergangenheit Norwegens, die auf die angenehmste Weise informiert und unterhält.
Edvard Hoem: Die Hausmamsell
Aus dem Norwegischen übersetzt von Antje Subey-Cramer
Verlag Urachhaus, Oktober 2025
382 Seiten, gebunden, 28,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
