Kathy Reichs: Die Spur der Angst

Zunächst sind es nur Tierkadaver, die sadistisch verstümmelt und öffentlich „ausgestellt“ werden; die Tiere werden größer, die Verstümmelungen und Inszenierungen immer schockierender. Den Ermittlern ist klar: Bald könnte der Täter Menschen opfern. Und so kommt es dann auch.

Zusammen mit Erskine »Skinny« Slidell versucht die forensische Anthropologin Temperance Brennan, den Täter zu finden, bevor ihm (oder ihr?) noch mehr Menschen zum Opfer fallen. Soweit zum Fall.

Die Spur der Angst ist der mittlerweile 24. Band in Kathy Reichs’ Temperance-Brennan-Reihe, und um es gleich zu sagen, allen Lobeshymnen zum Trotz: Er ist einer der schwächsten.

Auch wenn das Buch als Thriller beworben wird – von Nervenkitzel keine Spur. Stattdessen dehnt sich der Plot wie Kaugummi. Nichts Überraschendes geschieht, sondern allein das, was bereits im Klappentext angekündigt wird. Siehe oben.

Stattdessen erzählt Reichs noch ausführlicher als in anderen Bänden der Reihe aus dem Privatleben der Protagonistin, wobei man schon früh ahnt, dass Tempes Nichte Ruthie irgendwann in Gefahr geraten wird. Das ist so weit akzeptabel, wie es der Charakterisierung der Protagonistin dient und der Entwicklung des Plots. Aber hier übertreibt es Kathy Reichs, insbesondere was zahllose, für beide Aspekte irrelevante Details betrifft. Da kann schon der Eindruck entstehen, hier würden schlicht Seiten geschunden, da die Geschichte selbst zu dünn geraten ist. Was nicht an der Idee selbst liegt, im Gegenteil.

Aber leider geraten zu viele Kapitel so weitschweifig, dass man nichts verpasst, wenn man den Text überfliegt. Jede einzelne, noch so irrelevante Figur wird detailliert beschrieben: Aussehen, Gemütsverfassung, Kleidung, Einschätzung durch die Protagonistin. Wie die gesamte Crew der Spurensicherung, die nie wieder auftaucht und keinerlei Rolle spielt. Muss ich wissen, welche Gürtelschnalle der eine trägt und von welcher Farbe das Brillengestell eines anderen ist? Muss wirklich jeder einzelne Raum, den Tempe betritt, ellenlang beschrieben werden, inklusive der Anzahl der Fensterchen in der Haustür und der Stühle auf der Terrasse? Zahlreich sind auch solche Füllsel:

„Ich zeigte Balodis die Tür zur Männerumkleide und ging selbst in die kleinere für Frauen.“ Ach ja? Gibt es keine für Diverse? Oder verbirgt sich hier Kritik am Patriarchat? „Ein paar Minuten später trafen wir uns wieder in OP-Kleidung auf dem Flur.“ So, so.

Kathy Reichs hat selbst als forensische Anthropologin in Charlotte/SC gearbeitet, wodurch ihre Orts- und Fachkenntnisse ihre Bücher sehr authentisch machen. Aber muss man einen Kriminalroman mit solchen Details „anreichern“:

„Balodis ging zum Scanner, den ein Tech auf einer der Arbeitsflächen deponiert hatte. Das weiße Gerät war etwa acht Zentimeter lang, besaß ein Display und orangefarbene Tasten und hatte an einem Ende eine runde Antenne.“

Gäbe es die eine oder andere Passage in dieser Art, wäre das keine Erwähnung wert. Aber bei Reichs bestehen die ersten 250 Seiten überwiegend daraus. So treibt man keinen Plot voran, sondern kreiert einen Pageturner ganz anderer Art.

Erst nach 274 von 350 Seiten entsteht ein Anflug von Spannung, die schnell wieder verfliegt. Von Thrill keine Spur. Und dann folgt auf knapp sieben Seiten eine Auflösung, die man nur als völlig willkürlich und beliebig bezeichnen kann. Da man das ganze Buch hindurch aufgrund der spärlichen Hinweise ohnehin nicht mitspekulieren kann und nur eine Person sich als verdächtig anbietet – von der jeder geübte Krimileser weiß, dass sie mit 99,9-prozentiger Sicherheit nicht der/die Täter/in ist –, kann man das Kaninchen, das Reichs am Ende hervorzaubert, nur achselzuckend hinnehmen.

Die Behauptung des Verlages, in diesem Roman ginge es um die Frage, ob es das „pure Böse“ gibt, lässt sich nur als Werbespruch erklären, denn erstens könnte man das, wenn man will, über jeden Kriminalroman, erst recht über jeden Thriller sagen. Zweitens wird diese Frage allenfalls ansatzweise in einem kurzen Dialog angerissen und beschränkt sich auf eine ganz am Ende wiederholte, verkürzende Definition:

Böse ist eine Tat, „… die grausam, vorsätzlich und nicht nachvollziehbar [ist] und enormes Leid verursacht“.

Das ist weder neu noch erhellend, geschweige denn tiefschürfend. So kommen die Leser bzw. Temperance Brennan zu dem Schluss: Ja, es gibt das Böse. Dieser Täter ist böse. Mehr lässt sich als Fazit aus diesem Roman nicht ziehen.

Kathy Reichs: Die Spur der Angst
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jens Plassmann
Heyne Verlag, Februar 2026
352 Seiten, Hardcover, 24.00 €.

Diese Rezension wurde verfasst von Wolfgang Mebs.

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