Gisa Klönne: Die Liebe, später

Kora von Stein erhält während einer persönlichen Lebenskrise einen Anruf von ihrem Freund Felix. Seine Frau Leonie ist spurlos verschwunden, klagt er. Kora sei doch als Journalistin der richtige Mensch für eine Spurensuche. Sie könne ihre Radiosendung nutzen, um seinen Verlust publik zu machen.

Kora fallen viele Gründe ein, Nein zu sagen. Da wäre das Trauma um ihre Herzoperation, der Aufhebungsvertrag und die damit einhergehende Frühverrentung. Hinzu kommen Konflikte in ihrer Ehe.

Auch ihr Ehemann Anselm befindet sich in einem Veränderungsprozess, der neue Ziele und Freiheiten am Ende seiner Arbeitsphase mit sich bringt. Kora ist sich nicht sicher, ob sie nach der vertrauten Wochenendbeziehung in eine neue, noch unvertraute Gemeinsamkeit wechseln können.

Egal, wohin Kora schaut, sieht sie Veränderungen und Verschwinden. Sie begreift, dass dies ihr neues Thema wird. Verschwindet nicht ständig irgendetwas und irgendwer? Aus einem Impuls heraus beschließt sie, ebenfalls über Leonies Leben und ihr Verschwinden zu recherchieren. Allmählich erkennt Kora, dass sie ihr ganzes Leben weggelaufen ist; sie ist nur einen anderen Weg als Leonie gegangen.

Die Kölner Autorin Gisa Klönne ist im Literaturbetrieb schon lange keine Unbekannte mehr. Wer wie sie einen Friedrich-Glauser-Preis erhalten hat und auf internationaler Bühne veröffentlicht, verdient Aufmerksamkeit. Inzwischen sind ihre Romane persönlicher geworden. Sie gehen unter die Haut. Wer ihren letzten Roman Für diesen Sommer gelesen und geliebt hat, wird auch an ihrem aktuellen Roman Die Liebe, später seine Freude haben. Denn man spürt auf allen Seiten ihr Herzblut. Auch in Koras Geschichte geht es um Herzensangelegenheiten, das Wesentliche im Leben, um das Wichtige, das Notwendige und darum, wie schnell alles im Alltagsgeschäft verschwinden kann.

Kora räumt auf. Altes, Schmerzliches muss verarbeitet werden, damit sie etwas Neues beginnen kann. Innerer Frieden kann nur entstehen, wenn sie ihre verlustreichen Erfahrungen verarbeitet. Sie geht einen Weg, den viele Menschen irgendwann gehen müssen.

„Wenn du den Boden unter den Füßen verloren hast, wie findest du ihn wieder? Vielleicht geht es im Leben früher oder später unweigerlich um diese Frage. Vielleicht ist das die Lektion, auf die es ankommt: den Boden zurückerobern, immer wieder aufs Neue, Millimeter für Millimeter.“ (S. 114)

Gisa Klönne: Die Liebe, später
Rowohlt Kindler, Januar 2026
320 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.

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