Ein sehr einfühlsamer, ruhiger Roman, auf den man sich einlassen muss. Nicht die Handlung reißt einen mit, es ist eher die Nicht-Handlung, die Gedanken, die einen hier festhalten. Die begabte Gesangsstudentin Nina bricht von heute auf morgen ihre Ausbildung an der Musikhochschule ab, sie fühlt sich beengt, „wie eingepackt“, hat das Gefühl, nicht mehr singen zu können. Nina geht nach Wien, wo sie Unterricht nimmt bei einer Gesangslehrerin, von der sie gehört hat, sie gehe völlig andere Wege der Ausbildung. Bei Eva lernt Nina loszulassen, sich von festgefahrenen Strukturen zu befreien, Eingefahrenes zur Seite zu schieben.
Nina macht große Fortschritte, lernt auch sich selbst besser kennen, hat aber nach einer gewissen Zeit dennoch das Gefühl, auch bei Eva nicht weiterzukommen. Sie bekommt ein Engagement in Prag, was für viele den Durchbruch bedeuten würde, für Nina aber nur eine weitere Station ist auf dem Weg zu sich selbst. Sie kommt zurück nach Wien, lernt die Japanerin Yuko kennen, mit der sie die Wohnung teilt, und macht mit ihr ganz neue Erfahrungen, eine ganz neue, andere Sicht auf die Dinge, auf die Welt, auf sich selbst. Eva verändert sich, nicht nur ihre Stimme wird voller, auch ihr Leben reicher.
Ein sehr berührender Roman über die Suche nach sich selbst. Sehr poesievoll und leicht, dennoch tiefgründig und ernst.
Ingrid Kloser: Regentropfen fallen langsam
Piper, April 2026
192 Seiten, gebundene Ausgabe, 20,00 €
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.
