Rachel Khongs Roman Real Americans erzählt die Geschichte einer Familie, die sich über drei Generationen hinweg mit Herkunft, Zugehörigkeit und den langfristigen Folgen persönlicher Entscheidungen auseinandersetzt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur das Leben zwischen zwei Kulturen – der chinesischen und der amerikanischen –, sondern auch Fragen nach Liebe, Ehrgeiz und dem Vermächtnis, das Eltern ihren Kindern hinterlassen, ob bewusst oder ungewollt.
Worum es geht
Zentral ist die Figur Lily, eine junge Frau chinesischer Herkunft, die in den 1990er-Jahren in New York lebt. Sie verliebt sich in Matthew, einen wohlhabenden und ehrgeizigen Mann aus einer völlig anderen gesellschaftlichen Welt. Aus dieser Beziehung geht ihr Sohn Nick hervor, der sich Jahre später auf die Suche nach seinem Vater begibt – und dabei nicht nur familiären Geheimnissen begegnet, sondern auch mit seiner eigenen Identität konfrontiert wird.
In der dritten Erzählebene rückt schließlich Lilys Mutter May in den Fokus. Ihre Vergangenheit wirft ein neues Licht auf die Ereignisse der anderen Generationen und verknüpft die einzelnen Lebensgeschichten zu einem größeren Ganzen.
Khong verbindet diese drei Perspektiven zu einer vielschichtigen Familienchronik, die zwischen wissenschaftlichem Fortschrittsdenken, privatem Glück und moralischen Dilemmata pendelt. Immer wieder stellt der Roman die Frage, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um das vermeintlich Richtige zu tun – für sich selbst und für jene, die nach ihnen kommen.
Stärken und Schwächen
Rachel Khongs Sprache ist klar und bildhaft, ihre Figuren wirken lebendig und vielschichtig, auch wenn sie nicht immer leicht zugänglich sind. Gerade Lilys und Nicks Entscheidungen bleiben mitunter schwer nachvollziehbar. Das verleiht der Geschichte zwar eine gewisse Realitätstreue, erschwert aber stellenweise die Identifikation.
Im Mittelteil, der sich vor allem auf Nick konzentriert, verliert der Roman etwas an Dynamik. Einige Passagen wirken unnötig ausgedehnt und wiederholen sich in ihrer Wirkung, sodass eine straffere Erzählweise dem Text gutgetan hätte.
Der Perspektivwechsel hin zur Großmutter May ist erzählerisch reizvoll, kann jedoch zunächst irritieren. Erst nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge. Wer sich darauf einlässt, wird am Ende mit einem stimmigen Gesamtbild belohnt.
Fazit
Trotz kleiner erzählerischer Längen ist Real Americans ein eindringlicher Roman über Familie, Herkunft und Selbstbestimmung. Rachel Khong versteht es, große gesellschaftliche und persönliche Fragen in alltägliche Situationen einzubetten. Ihr Buch zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Menschen mit ihrem Erbe umgehen – und dass „amerikanisch sein“ viele Bedeutungen haben kann.
Rachel Khong. Real Americans
übersetzt von Tobias Schnettler
Kiwi, Februar 2025
528 Seiten, gebundene Ausgabe, 24 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Andreas Schröter.
