Elisabeth Sandmann: Wir dachten, das Leben kommt noch

1940 gründete der britische Premierminister Winston Churchill die „Special Operations Executive“, kurz SOE genannt. Eine spezielle Einsatzgruppe, die in allen von der Wehrmacht besetzten Gebieten aktiv war, so auch in Frankreich, wo sie als Sektion F bekannt war. Winston Churchill wollte damals die Nationalsozialisten und Faschisten in Europa vollständig vernichten, wofür – schon im eigenen Interesse der Briten – der Widerstand im besetzten Frankreich gestärkt werden musste. Allein auf die Unterstützung der Résistance wollte er sich dabei allerdings nicht verlassen.

Das Besondere an dieser neuen Organisation, der SOE, war, dass zum ersten Mal auch Frauen angeworben und aufgenommen wurden. Sie wurden gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen und ebenso intensiv für Kampfhandlungen ausgebildet. Das hatte es in herkömmlichen Agentennetzwerken bisher nicht gegeben. Doch Frauen waren im Einsatz unauffälliger als Männer, hatten andere Möglichkeiten, an Informationen zu kommen oder zum Beispiel Sprengstoff für geplante Anschläge unter Kartoffeln im Einkaufskorb oder im Kinderwagen verborgen zu transportieren. Die Frauen der Sektion F haben Wesentliches zum Sieg über die Wehrmacht beigetragen, doch Erwähnung fanden ihre mutigen und lebensgefährlichen Einsätze kaum.

Elisabeth Sandmann greift hier also ein weitgehend unbekanntes, aber höchst spannendes und interessantes Thema auf. Verpackt in einen fiktiven Roman erfahren wir als Leser eine ganze Menge über Ausbildung, Einsätze und die Gefahren, denen die Agentinnen sich mehr oder weniger freiwillig ausgesetzt haben, sowie über ihren Alltag unter Feinden, in dem sie sich bewegen mussten, als würden sie dazugehören. Voraussetzung für ihre Tätigkeit war unter anderem, dass sie akzentfrei und fließend Französisch sprachen, über das Land bestens Bescheid wussten und sich absolut unauffällig integrierten.

Pat Conway, die Protagonistin dieses Romans, hätte es genau so geben können. Zweisprachig groß geworden, mit Großeltern in der Normandie, als Kind regelmäßig dort gewesen, vertraut mit der französischen Lebensart und willens, ihr Land zu verteidigen. Durch ihre Geschichte, die sie der jungen BBC-Journalistin Gwen nach einigem Zögern dann doch erzählt – mal im Gestern, mal im Jetzt –, wird ihr Tun und das ihrer Mit-Agentinnen und Kontaktleute wieder lebendig. Wir fühlen uns mittendrin und werden in den Sog gezogen. Pat, die zunächst nicht über ihre SOE-Vergangenheit reden will, weder mit Gwen noch mit anderen, wird nach und nach offener, zumal auch Gwen ihr berichten kann. Ihre Gespräche sind nicht einseitig. Gwen hat durch ein Vermächtnis ihrer Großmutter ein eigenes Interesse daran, die Geschichte der Frauen im Widerstand aufzuarbeiten. Es ist nicht nur der Auftrag der BBC, eine Sendung über diese Frauen zu machen, der sie Pat näherbringt.

Ein sehr bewegender, spannender, fesselnd und atmosphärisch geschriebener Roman über ein Thema, das sicher nicht vielen von uns so bekannt sein dürfte. Eine gelungene Mischung aus Schwere und Leichtigkeit, einfühlsam erzählt und historisch bestens recherchiert.

Elisabeth Sandmann: Wir dachten, das Leben kommt noch
Piper, Oktober 2025
384 Seiten, Hardcover, 24,00 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Ertz.

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